Mit dem Fidibus auf Reisen

Monat: Juni 2024

Nachtrag zu Riga

Ich glaube, der letzte Beitrag ließ eine Frage unbeantwortet. Wer war der Dieb?
Vielleicht habe ich mit der Darstellung etwas unscharf gehalten. Um es kurz zu machen: Es gab keinen Dieb!

Die Hose mit der defekten oder nicht mehr vorhandenen Taschennaht hat mir bereits zu Hause Kummer beschert, weshalb ich ganz sicher war, dieses Bekleidungsteil gar nicht meiner Reisegarderobe hinzugefügt zu haben. Irgendwie hat sich genau diese Hose wohl doch Zutritt verschafft und harrte in der Kleiderkiste schweigend, bis sie ihre Chance witterte. Sie heftete sich just an diesem Tag an meine Achillesferse (des Verlierens). Alles, was oben in die Tasche hineingesteckt wurde, fand umgehend seinen Nebenausgang durch die fehlende Naht. So geschah es, als ich das Portemonnaie meinem Rucksack entnahm, dem Fahrer das Trinkgeld überreichte und den Geld- und Dokumentenbeutel dann, der Bequemlichkeit wegen, in die Hosentasche steckte. Er suchte sich seinen Weg außerhalb meiner Beinbekleidung und versteckte sich neben meiner Gesäßmuskulatur. Kriminaltechnisch bleibt also nur anzumerken, dass der Vorfall ohne Fremdeinwirkung allein durch eine Verkettung unglücklicher Umstände zustande kam.

Ich hoffe mir dieser Erklärung Taxifahrer, Fahrgäste oder andere, mir nicht näher bekannte Personen hinreichend rehabilitiert zu haben.

Riga

16. Juni 2024

Mein heutiger Platz in Riege befindet sich jenseits des Flusses, auf der,der Stadt abgewandten Seite des Flusses Daugava (Düna). Schön ist der Platz nicht, dafür habe ich hier Duschen, eine Waschmaschine und ich kann von hier aus in fünfundvierzig Minuten in die Stadt laufen. Das Gelände gehört zum Yachtclub von Riga, mit einer Aussicht auf einerseits den Industriehafen und ein wenig in die andere Richtung auf die moderne Brücke und auf die Stadtsilhouette der Altstadt. Nicht gerade ein schöner Platz, aber auch nicht schlecht. Es ist früh genug, um zu waschen, sowohl mich als auch meine Wäsche. Tisch und Stuhl platziere auf einem schmalen Grasstreifen am Flussufer und werfe den Grill an und das Steak darauf.
Neben mir hat sich ein Brite mit einem hübschen umgebauten Schulbus eingerichtet. Es sieht darin aus wie in Omas guter Stube. Ein Küchenschrank, ein Sofa und zwei Sessel, ein Couchtisch und ein Orientteppich.

Auch der Eigentümer ist ein lustiger Geselle. Typisch britische rote Wangen, seine langen Haare sind zu einem Dutt gebunden, er trägt lange bunte Ohrringe, ein kurzes Röckchen mit Tigermuster und rosa Sportschuhe. Er verriet mir, dass er Eric hieße, eigentlich, wegen seiner deutschstämmigen Mutter Eugen, was aber kein Brite aussprechen könne oder wolle. Eric spricht ein sehr distinguiertes Upper Class Englisch. Während er viele lustige Ereignisse seiner, nun schon drei Jahre andauernden Reise, lachend zum Besten gibt, ist seine Frau eher unauffällig und strickt für den mitreisenden Ronny (eine undefinierbare Hunderasse) ein Jäckchen. Ob Ronny sich angesichts steigender Temperaturen darüber freuen wird, ist noch nicht ausgemacht.

Heute schlafe ich sicher gut und lange, denn es wird endlich eine dämmrige Nacht. Nur vier Stunden, aber eben doch die erste Ahnung dunkler Nächte.


18. Juni 2024

Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Der Himmel lässt ahnen, dass er heute noch so manche Überraschung im Petto hat. Meine Motivation eines Fußmarsches über die Brücke ist schnell gebrochen, als ich auf ein deutsches Paar treffe, die offensichtlich auf ein Taxi warten. Eine Nachfrage bestätigt meine Vermutung und ich schließe mich ihnen an. Sie haben über den Fahrdienst Bolt gebucht, etwas Ähnliches wie Uber, und ich sollte das Trinkgeld für den Fahrer übernehmen. Nach zwanzig Minuten steigen wir am Central Market aus. Ich verabschiede mich von den Beiden und marschiere in die Hallen. Kaum betrete ich die Halle, meldet sich meine „Verlier-App“ und zeigt mir den Verlust meines Portemonnaies an. Tatsächlich, in meiner Hosentasche ist es nicht, dafür befindet sich etwas anderes darin, nämlich eine über die ganze Länge aufgerissene Naht. Da ich das Trinkgeld aus dem Geldbeutel entnommen hatte, war klar, im Taxi hatte ich den Geldbeutel noch. Meine App gibt mir als letzten bekannten Standort den Punkt unseres Ausstiegs an. Ich laufe zurück und schaue, ob es auf der Straße liegt, aber nein, dort ist es nicht. Also hat er mich vielleicht schon im Taxi verlassen. Über Bolt versuche ich zu recherchieren, bleibe aber an einem gar nicht hilfreichen Chatbot hängen. Somit ist der Verlust eine besiegelte Tatsache. Papiere weg. Ausweis, Kreditkarten, Führerschein, Bargeld und Bankkarte wechseln nun gerade ihren Besitzer. Noch kann ich über Handy bezahlen, was ja auch schon etwas beruhigend ist, was mich aber dazu zwingt, die Kreditkarte nicht abzumelden, ober die der Bezahldienst abgewickelt wird. Ich mache Meldung bei der Polizei, um der Versicherung Genüge zu tun, die meinen Fall telefonisch aufnimmt. Die Polizei will meinen Standort wissen und dann verabschieden sie mich. Ich mache ich mich auf den Weg. Nach dem Schrecken brauche ich einen Kaffee. Ich trete aus der Markthalle, laufe ein paar Meter und biege dann in Richtung Stadt ab. In diesem Moment höre ich eine Stimme hinter mir: „Matthias Dinger?“ Ich gebe mich als der Gesuchte zu erkennen. Ein Polizeibus, darin ein Polizist und eine Polizistin. Als ich mich als der Gesuchte zu erkennen gebe, erklären sie mir auf Englisch, dass sie von der Wache benachrichtigt wurden und nun den Fall persönlich aufnehmen wollen. Wunder Nummer eins! Erst einmal erklären sie mir, dass ich um meine Kreditkarten nicht fürchten muss, in Lettland wage sich niemand eine fremde Kreditkarte einzusetzen, denn die Strafen dafür seien exorbitant hoch. Alles wäre auch gar nicht schlimm, wir seien ja in Europa, da brauche ich keine Papiere, wenn ich das nun aufzunehmende Protokoll vorweise. Wenn ich Geld brauche, so soll ich mir das bei der Botschaft besorgen und sonst meine Reise unbesorgt fortsetzen. Wie beruhigend! Ich suche ein Café und beruhige meine Nerven. Vielleicht haben die netten Polizeimenschen ja recht und ich soll es einfach als Schicksal verbuchen.

Mit Vergessen und Verlieren kenne ich mich ja aus, aber genau deswegen ärgert es mich doch mächtig, aber nicht lange. Ich gehe noch einmal zurück zur Markthalle und schaue in alle Mülleimer und Blumenkästen. Manchmal entnehmen ehrliche Finder ja nur das Geld und werfen den Rest fort. Auch diese letzte Hoffnung zerplatzt wie eine Seifenblase. Zwischenzeitlich schüttet es, was es kann. Bis auf die Haut durchnässt gehe ich in die Markthalle zurück. Ich muss mal! Am Eingang zur Toilette der Markthalle, dort gibt es mehrere davon, sehe ich die Beiden aus dem Taxi. Auch sie suchen einen stillen Ort. Wunder Nummer zwei!
Sie haben in ihrer Bolt-App die Daten des Fahrers und der lässt sich sogar über die App anrufen. Der Fahrer nimmt den Anruf an und er spricht Englisch. Wunder Nummer drei.
Als er die Rufnummer mit dem Auftrag zusammenbringt, sprudelt es aus ihm heraus, „I found Your documents“. Wunder Nummer vier.
Wir verabreden uns in einer Stunde auf dem Parkplatz der Markthalle und dann erfüllte sich mit Wunder Nummer Fünf eine unglaubliche Geschichte. Meine Verlier-App ist zufrieden und zeigt mir, dass ich alle wesentlichen Dinge bei mir trage. Autoschlüssel, Ersatzschlüssel und Portemonnaie. Nun macht mir auch der Regen nichts mehr aus und ich setze mein Sightseeing fort. Morgen soll das Wetter besser werden, dann schaue ich mir alles noch einmal an, ohne Stress und hoffentlich bei gutem Wetter.
Meinen Heimweg mache ich nun auf Schusters Rappen, was mir noch ein paar tolle Einblicke auf die Burg und die Türme der Stadt bietet. Zurück bei meinem FidiBus tun mir Füße und Beine schrecklich weh. Zwanzig Kilometer, davon die meisten über grobes Kopfsteinpflaster, forderten ihren Tribut. Morgen fahre ich Taxi. Toi Toi Toi!
(Dann gibt’s auch wieder Bilder)

Saaremaa

14.6.2024

Saaremaa

Nach dem Besuch im Sea-Plane-Museum verlasse ich Tallinn endgültig. Ich komme zügig voran doch habe ich nicht vor, heute schon auf die Insel überzusetzen. Es soll für heute reichen, wenn ich die einhundertdreißig Kilometer bis zum Fährhafen nach Virtsu schaffe. Da ich immer wieder von der Hauptstrecke abweiche, bin ich tatsächlich wieder erst am späten Abend am Ziel. Auf den kleinen, zumeist nur geschotterten Straßen durchfahre ich Ortschaften, die als solche kaum erkennbar sind. Zu weit liegen die Häuser auseinander. Die meist sehr großen Grundstücke sind in der Regel sehr gepflegt und immer steht ein Saunahäuschen im parkähnlichen Garten. Die Ortschaften besitzen keinen wirklichen Ortskern, keinen Treffpunkt zum geselligen Zusammensein. Ich vermute, die einzige Geselligkeit findet anlässlich großer Feste, wie dem Mittsommernachtsfest statt oder beim sonntäglichen Kirchgang in der nächsten Kirchengemeinde.

Mein Ziel, eine der vielen, tief ins Land hereinreichenden Meeresbuchten des Baltischen Meeres, habe ich mir für heute aus meiner App herausgesucht. Es ist tatsächlich ein ruhiger Ort, mit einem überdachten Unterschlupf, einer Feuerstelle und einem Vogel-Beobachtungsturm. Im Schilf liegen einige Ruderboote und es herrscht eine wohltuende Stille. Nur der Flügelschlag der Schwäne schallt hin und wieder über das Wasser, wenn die großen Vögel sich schwerfällig und mit langem Anlauf aus dem Wasser heben. Noch lange hört man dann ihr Stöhnen beim Aufstieg, bis sie ihre Flughöhe erreicht haben. Was muss es sie für eine Kraft kosten, den schweren Körper in die Lüfte zu erheben um tausende von Kilometern in ihr Winterquartier zu fliegen.
Am Abend kommen ein paar Fischer. Sie machen ihre Ruderboote klar und stellen fern vom Ufer ihre Standnetze auf. Sie lächeln mir freundlich zu, doch das war’s dann auch schon an überschwänglicher Begrüßung. Nun, zumindest stören sie sich nicht an meiner Anwesenheit.

15. Juni 2024

Um kurz nach zehn Uhr stehe ich am Fähranleger. Für die fünfundvierzig Minuten dauernde Überfahrt bezahle ich sechzehn Euro dreißig und dann bin ich auf der Insel Saaremaa. Genau genommen auf der Insel Muhu, die Saaremaa vorgelagert ist.

Wieder weiche ich von der Hauptroute ab und fahre etwa acht Kilometer über fürchterliches Katzenkopfpflaster, bis der Weg dann übergeht in einen Schotter und Sandweg. Ich schaue noch einmal nach dem Wetter, da mir bewusst ist, dass der Weg bei Regen eine einzige Schlammpiste sein wird. Unbefahrbar für meinen FidiBus. Doch das Wetter sieht heute stabil aus und so fahre ich weiter. Der Wald weicht bald einer Weidelandschaft. Links am Weg steht eine Windmühle. Wie die meisten Mühlen handelt es sich auch bei dieser um eine drehbare Bockwindmühle. Die Landschaft öffnet sich mehr und mehr und ich werde an die großen Flächen der Camargue erinnert. Es fehlen lediglich die Stiere oder die Wildpferde. Vor mir liegt das Meer. Einfach ein toller Platz. Kurz denke ich darüber nach, hier für den Tag und die Nacht zu bleiben, doch es ist zu früh, um schon wieder den Tag zu beenden. Wohin der sandige und teils sehr ausgewaschene Weg führt weiß ich nicht, doch vertraue darauf, dass jeder Weg einfach irgendwohin führt und fahre weiter auf äußerst schwierigen und tief ausgewaschenem Weg. Zweimal passiere ich Höfe. Der Weg ist links und rechts mit dichtem Gebüsch zugewachsen, und ich hoffe, dass FidiBus den Kontakt zu den Zweigen als ein Streicheln seiner roten Blechhaut empfindet und mir nicht sauer wird.
Doch dann endlich, nach mehr als eineinhalb Stunden, steht da ein Ortsschild, das den vier Gehöften einen Namen gibt. Hier stehen Autos, somit sollte eine befahrbare Straße nicht mehr allzu weit sein. Und wirklich, nach wenigen Kilometern habe ich festen Boden unter den Rädern.

Über einen langen Damm gelange ich auf die Hauptinsel Saaremaa. Nach einem Blick auf Google Maps entscheide ich wieder, meinen Weg auf kleinen Nebenstraßen fortzusetzen und so gelange ich zu dem Ort Pöide und schon von weitem erblicke ich eine Kirche, von der ich annehme, dass ein Besuch lohnend sei. So war es dann auch. Die Kirche der heiligen Maria geht auf das Jahr 1230 zurück. Ihr Erhaltungszustand ist erbärmlich, doch die Zeichen einer Restaurierung sind unverkennbar. Sie erzählt eine lange Geschichte der Besiedlung der Insel und ist einen Besuch sicher wert. Von hier aus fahre ich weiter, bis ich den Leuchtturm Sörve Tuletorn. Ein kleiner Spaziergang bis zum Kap, dem südlichsten Punkt Estlands, von dem man bereits das Nordufer Lettlands erkennen kann, bietet mir einen malerischen Blich über das Meer, ein paar Boote zum Leuchtturm. Unterhalb des Leuchtturmes verbringe ich die Nacht, die noch immer taghell ist.

16. Juni 2024

Auf meinem Rückweg zur Fähre mache ich Halt in Ahrensburg, einem modernen Ort mit schönem Hafen. Die Besichtigung der Burg lasse ich mir nicht entgehen, finde jedoch die Ausstellung in der Burg, deren verwinkelte und gewundenen Treppen allein schon für Verwirrung sorgen, ein wenig chaotisch. Die Fülle der Exponate ist einfach zu groß und es ist nur schwer eine irgendwie geartete Ordnung zu erkennen. In diesem Falle wäre weniger sicher mehr gewesen.
Von Ahrensburg fahre ich weiter zu den Klippen, Panga Cliff, auf der Nordseite der Insel. Ein Blick auf die Klippen ist für Besucher allerdings nicht möglich. Es gibt keinen Weg an ihrem Fuße und so bleibt nur, die Aussicht, die man von hier aus hat, zu genießen. Hier zeigt sich allerdings der Nutzen meiner Drohne. Ich schicke sie weit hinaus auf das Meer und nehme von dort aus ein paar beeindruckende Bilder der Steilküste auf. Ein Flug entlang der Klippen bringt mir deren Schönheit vor Augen.

Nächster Stopp ist der Mühlenberg von Angla, wo fünf Mühlen in einer Reihe stehen. Das Gelände ist eingezäunt und da es nach 18:00 Uhr ist, nicht mehr zugänglich. Dennoch bleibt die Möglichkeit, einen Blick von außen auf die Mühlen zu erlangen. Der letzte touristische Anlaufpunkt dieses Tages sind die Meteoritenkrater von Kaali. Der größte Krater hat einen Durchmesser von etwa fünfundzwanzig Metern. Kreisrund und mit Wasser gefüllt liegt er in einem Wald, umgeben von dem Ringwall des Einschlages. In seiner näheren Umgebung gibt es ein paar weitere, kleinere Krater, die durch das Auseinanderbrechen des Meteoriten bei seinem Eintritt in die Erdatmosphäre entstanden sind. Da es außer dem Krater keine lohnenswerten Dinge in Kaali zu sehen gibt, fahre ich weiter und suche mir einen Schlagplatz nahe der Fähre.

17. Juni 2024
Die Überfahrt nach Virtsu verlief reibungslos. Immer wieder gab es Schauer und auch einmal ein kräftiges Gewitter, dass ich in einem kleinen Restaurant bei einer Gemüsesuppe und einem Bier aussaß. Mein weiterer Weg führt mich auf Nebenstraßen entlang der Küste nach Riga. Für die Zeit in der Stadt suchte ich mir einen Stellplatz mit Dusche und Waschmaschine. Beides war wieder einmal nötig. Morgen mache ich mich dann auf den Weg in die Stadt, noch nicht ahnend, dass Riga beinahe das Ende meiner Reise gewesen wäre.
Doch davon und von vielem mehr in meinem nächsten Beitrag.

Tallinn

12. Juni 2024

Tallinn

Pünktlich um neun Uhr morgens verlässt meine Fähre den Hafen von Helsinki. Damit nehme ich Abschied von Finnland und Skandinavien. Es ist, als würde ich eine mir vertraut gewordene Region verlassen und ich erwische mich dabei, wie ich während der Überfahrt öfters zurückschaue als nach vorn. Das Baltikum ist mir bisher völlig unbekannt und irgendwie bringe ich es noch immer in Verbindung mit der alten Sowjetunion. Dabei habe ich schon so oft erzählt bekommen, wie schön Tallinn und Riga seien. Ich bin mir ganz sicher, auf dieser Reise werde ich die alten Bilder löschen.
Jetzt kommen die Kirchtürme Tallinns in Sicht und so pünktlich, wie wir Helsinki verlassen haben, so pünktlich laufen wir in den Hafen Tallinns ein. Ich muss tanken und einkaufen, und schon von der Fähre in die Stadt benötige ich eine gute Stunde. Baustellen mit abenteuerlicher Verkehrsführung und der estnische Fahrstil sind mir ungewohnt und erfordern meine ganze Aufmerksamkeit. Dann wird es etwas ruhiger und Tankstelle sowie Supermarkt liegen auf dem gleichen Areal. Die Preise sind hier auffallend geringer und ich muss acht geben, nicht vor Freude in einen Kaufrausch zu verfallen. Dann suche ich mir einen Parkplatz und verschaffe mir einen ersten, ganz schnellen Überblick über die Stadt. Vor der russischen Botschaft sind Protestbanner aufgestellt, in denen Putin als Mörder, Folterer und Kriegstreiber angeklagt wird. Die Polizei bewacht die Banner, ansonsten ist es ruhig, keine Menschenmenge und außer Touristen scheint es niemanden zu interessieren. Im Schifffahrtsmuseum erkundige ich mich nach einem Tallinn-Ticket und erfahre, dass ich dies über das Internet bestellen kann, wodurch ich zwei Euro Rabatt bekomme. Also nur sechsundfünfzig anstelle achtundfünfzig Euro. Na immerhin. Also bestelle ich es für morgen, mir einer Gültigkeit von 24 Stunden.


Für heute soll es genug sein. Mein Schlafplatz liegt außerhalb der Stadt, auf einer Halbinsel. Ein Parkplatz am Meer, mit Dusche und Toilette. Nach einem Bad im Meer, mache ich mir mein Essen, lese noch ein wenig und lege mich dann schlafen. Morgen ist Sightseeing-Tag, und dafür sollte ich ausgeschlafen sein.

13. Juni 2024

Schon früh am Morgen fahre ich wieder in die Stadt. Dieses Mal finde ich einen Parkplatz im Hafengebiet, wo ich vierundzwanzig Stunden für sechs Euro stehen darf. Kurz überlege ich, ob ich über Nacht hier in direkter Nachbarschaft zur Altstadt bleiben soll, aber dann ziehe ich doch meinen ruhigen Standplatz am Meer vor.
Aber jetzt geht’s los!
Ich beginne meine Besichtigung im Maritim-Museum, das sich im Turm der Stadtmauer, genannt „Dicke Margarete“. In diesem Museum wird mein Interesse auf eine ausgegrabene Kogge gelenkt. Besonders die Bergung interessiert mich, da das Wrack im Ganzen gehoben und provisorisch zwischengelagert wurde. In der Dokumentation fiel mir auf, das rings um das Wrack bis zu seinem Boden, die Erde weiß war und sich damit deutlich von dem umgebenden braungrauen Untergrund abhob. War das Gips, den man zu Stabilisierung verwendete um später leichter auch unter dem Schiff arbeiten zu können? Leider kann mir auch das Museumspersonal meine Frage nicht beantworten und so muss ich wohl ein wenig recherchieren. Das hebe ich mir für zuhause auf.
Nach etwa zwei Stunden verlasse ich das Museum und blicke in einen dunklen, drohenden Himmel. Und da geht es auch schon los. Es gießt in Strömen. Das Wasser schießt aus den Regenrohren und spritzt über die Straße. Ich finde in einem Hauseingang Schutz und warte das Schlimmste ab. Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei und ich setze meinen Rundgang fort. Gesundheitsmuseum, Schwarzhäupter-Haus, die orthodoxe Kathedrale, die auf dem höchsten Punkt der Stadt errichtet wurde. Als ich eintrete, befällt mich ein bedrückendes Gefühl. Mit Gold und Silber wurde wahrhaftig nicht gespart. Für meinen Geschmack wirkt das einfach nur protzig. Sollte die Kirche nicht Bescheidenheit und Demut verkünden? Ihre Reichtümer nicht lieber sozialen Zwecken widmen, anstelle sie wie das goldene Kalb zu präsentieren. Und dann ist da auch ein stiller Vorbehalt gegen die Orthodoxe Kirche, die in ihrer Unterstützung für Putin ungebrochen ist. Ich verlasse die Kirche mit einem, sie kann mich nicht beeindrucken, abgesehen von ihrer Architektur. Dem Regierungssitz direkt gegenüber gehe ich an der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland vorbei, laufe an der Stadtmauer entlang, in deren dicksten Turm das Museum der Stadtgeschichte gerade renoviert wird. Aber ich kann von dort aus einen Besuch der Katakomben, der unterirdischen Gänge buchen. Am Platz der Freiheit schließt uns die Gästeführerin das Tor auf und ward nicht mehr gesehen. Etwas ratlos standen wir herum, bis wir begriffen, dass wir von nun an selbständig durch die Gänge zu laufen haben Der Weg ist klar gekennzeichnet und gut beleuchtet. Auf den ersten hundert Metern waren Relikte früherer Bauwerke ausgestellt, auch der obligatorische, bei lebendigem Leib eingemauerte Mönch fehlt nicht und dann wird es interessant. Nach etwa der Hälfte des Weges wird die Verwendung der Gänge als Bunkeranlage anschaulich dargestellt und nachgebildet. Zu Sowjetzeiten sollten die Katakomben gar einem Atomschlag standhalten. Später dann wurden sie zum Zufluchtsort der Subkulturen. Die Punkbewegung nutzte sie als Versteck, denn sie galt der Obrigkeit als westlich dekadent und subversiv. Als dann mehr und mehr Obdachlose hier einzogen, schloss man die Katakomben und öffnet sie heute gegen einen Obolus für die Touristen. Nach etwa einer Stunde trete ich aus der Unterwelt wieder ans Tageslicht. Es ist achtzehn Uhr und alle Museen schließen ihre Türen. Zeit für mich, um noch ein wenig zu bummeln und mir dann ein Restaurant zu suchen. Ich setze mich auf die Terrasse und schon beginnt es wieder zu pladdern was das Zeug hält. Zum Glück habe ich außer meinem Bier noch nicht bestellt und ziehe um. Wieder geht es ein paar Stufen in das Restaurant hinab und schon bin ich wieder in der Unterwelt, nun aber mit einem guten Essen.
Morgen werde ich mir noch die Außenstelle des Maritimmuseums, das Seaplane Museum, anschauen.

14. Juni 2024

Ich stehe früh auf, mache meine FidiBus reisefertig und bin wenige Minuten vor zehn Uhr am Museum. Einlass ist pünktlich um zehn Uhr und mein Tallinn-Ticket hat eine Gültigkeit bis zehn Uhr und drei. Es klappt, ich scanne meine Karte und das Tor öffnet sich für mich. Das Museum ist riesig. Es ist ein Kuppelbau gebildet aus drei Kuppeln, ohne dass sie durch Mittelpfeiler gestützt wird. Eine riesige freitragende Überdachung. Drei A-300 fänden nebeneinander darin Platz.

Die Attraktion ist ein begehbares russisches U-Boot. Im Außenbereich gibt es weitere Schiffe anzuschauen, nur die Seaplanes, die Wasserflugzeuge sehe ich nicht. Wie sich herausstellen sollte, gibt es die hier auch gar nicht. Namengebend war die ehemalige Verwendung der Halle als Hangar für die Wasserflugzeuge der russischen Marine.


Ich beschließe, es bei dem bisher gesehenen zu belassen. Wiedereinmal regnet es und bis ich wieder bei meinem FidiBus bin, bin ich pitschnass. Es ist ein Uhr mittags, als ich wieder Asphalt unter den Rädern habe.
Weiter geht es auf die größte estnische Insel, nach Sarema.

Helsinki

10. Juni 2024

Die Fahrt von Hanko nach Helsinki war lang und so komme ich erst am Abend in Helsinki an. Der Campingplatz liegt östlich der Stadt und er ist alles andere als schön. Camper steht an Camper nur getrennt durch eine Hecke. Aber er liegt strategisch günstig. Zur Metro laufe ich fünf Minuten und die Fahrt ins Zentrum dauert von hier aus zwanzig Minuten.
Gleich am frühen Morgen löse ich ein Helsinki Ticket, damit sind Stadtrundfahrt, Museumsbesuche und der ÖPNV inbegriffen. Den ersten Überblick verschaffe ich mir während der Fahrt mit einem HopOn HopOff Touribus. Die während der Fahrt gegebenen Erläuterungen sind jämmerlich. Ich komme zu dem Schluss, dass sich die Tour nicht lohnt. Interessanter ist da schon eine Bootstour durch die Inselwelt, die der Stadt vorgelagert ist. Zwischen malerischen Inseln, die Künstlern als Domizil galten und deren wunderschöne Holzvillen noch heute kein fließendes Wasser und elektrisches Licht haben und durch schmale Kanäle fahren wir etwa zwei Stunden. Stehen auf den einen Inseln die alten Prachtvillen, so befinden sich auf anderen moderne Bauten, teils Bungalows, teils mehrstöckige Häuser, deren Mieten sicherlich ein vielfaches dessen beträgt, was ein Normalverdiener im Monat verdient. Dafür bekommt man jedoch eine tolle Aussicht auf das Meer und eine verglaste Veranda, deren Glaswände je nach Bedarf verschoben werden können.
Ach ja, würde ich noch einmal geboren, so würde ich alles daran setzen reich zu werden. Das Leben lässt sich dann doch ganz anders gestalten. Nach der Rückkehr in den Hafen mache ich mich zu Fuß auf den Weg durch die Stadt. So viel hat die Stadtrundfahrt dann doch gebracht, dass zumindest eine Orientierung habe, was ich mir anschauen möchte.
Mein erster Weg führt mich in die Markthalle. Im Prinzip handelt es sich um eine Ansammlung vieler Bars, Bistros und Restaurants, die in etwa alle das gleiche Angebot zu bieten hatten. Es ist ein Markt der Gastronomen.
Doch wenn es schon mal so ist, dann kann ich hier auch die berühmte finnische Lachssuppe essen und die ist wirklich ein Genuss. Gesättigt und mit neuem Elan schlendere ich durch die Esplanaden.

Dies sind vier parallel verlaufende Straßen, die Shopping-Mall. Zwischen ihnen befindet sich ein schöner Park und da das Wetter heute schön ist, ist der Park voller Menschen, die die Sonnenstrahlen einfangen. Ich würde ja gerne ein Eis essen, aber bei vier Euro fünfzig für eine Kugel sträubt sich selbst mein innerer Schweinehund. Vorbei geht es an dem Theater, einer weiteren Markthalle, schöner als die am Hafen gelegene, aber auch sie beherbergt ausschließlich diverse gastronomische Betriebe. Ich gönne mir ein Bier und mache mich auf den Rückweg. Durch immer wieder neue Querstraßen komme ich zum Jugendstil Viertel. Es ist nicht gerade sehr viel, aber es ist dennoch beeindrucken. Um sieben Uhr bin ich wieder in den Esplanaden und dem Park und da heute auch Musik-Sommerfestival ist, spielt in einem Konzertpavillon eine finnische Folk Band. Sie haben gerade angefangen und die Musik gibt mir ein gutes Gefühl. Ich bleibe bis zum Schluss. Streune dann noch ein wenig durch die Gassen zur orthodoxen Kirche, die hoch über der Stadt auf einem Fels errichtet wurde, von dort zum Domplatz und dann zurück, durch einen in den Fels geschlagenen Tunnel in die U-Bahnstation der Metro. Um zehn Uhr falle ich todmüde und mit schmerzenden Füßen und Knien in meinen FidiBus. Es war ein schöner, wenngleich anstrengender Tag.
Mein nächstes Ziel ist Tallinn. Also dann, Gute Nacht.

Rauma

Von Vaasa aus fahre ich dann nach Rauma weiter, einer Stadt, die zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Kaum bin ich am Abend angekommen, da verfärbt sich der Himmel schwarz und es gießt in Strömen. Trotzdem beschließe ich, einen ersten Rundgang zur Orientierung durch die Stadt zu machen. Heute bin ich verwegen und gönne mir einen Wein in der Bar. Mit zehn Euro fünfzig bin ich dabei und bekomme dafür ein null zweier Glas eines mäßigen Chardonnay. Ich versuche es gar nicht erst ein Gespräch zu beginnen, sondern marschiere brav zurück zu meinem FidiBus, lese noch ein wenig und fühle mich wohl, während draußen ein kräftiges Gewitter tobt.
Die Sonne weckt mich am nächsten Morgen und ich beginne meinen Rundgang. Die Stadt ist tatsächlich etwas Besonderes. Die bunten Holzhäuser reihen sich links und rechts der teils engen Gassen und auf dem Marktplatz haben sich neben einigen wenigen Verkaufsständen die Infostände, die um die Wähler für die Europawahl buhlen. Am Stand der finnischen Grünen bietet man mir eine Bratwurst an, die ich gerne annehme, zumal ich noch nicht gefrühstückt hatte. So verdient das Café heute leider nur an einem Kaffee an mir.
In der Heilig-Kreuz-Kirche werde ich aufmerksam auf eine Ausstellung des finnischen Künstlers Jarmo Mäkilä, die gestern im Kunstmuseum eröffnet wurde.
Sie beeindruckte mich durch ihre einerseits sehr realistischen Bilder und Skulpturen, aber auch durch den Umgang mit Licht. Der Künstler verarbeitet in seinen Bildern und Objekten seine Kindheit auf eine beinahe mystische Weise, wobei mir auffällt, dass die Gesichter der dargestellten Personen stets sein eigenes Gesicht zeigen.
Bedauerlicherweise ergeht es der hübschen kleinen Altstadt aber wie so vielen anderen historischen Städten auch. Sie hat sich voll dem Tourismus verschrieben. Souvenirläden, unzählige Cafés und Boutiquen prägen das Bild der Stadt. Am Nachmittag drängen sich die Touristen durch die schmalen Gassen und ich bin froh, dass ich mich schon früh am Morgen auf den Weg machte, so fand ich die Stadt noch recht friedlich vor.
Meine Weiterfahrt verschiebe ich auf den nächsten Tag.

Ein langer Weg nach Helsinki

6. Juni

Heute setze ich meine Fahrt in Richtung Helsinki fort. Für Helsinki möchte ich mir ein wenig Zeit einplanen und so buche ich mir über das Internet eine Fähre für den 12. Juni. Wenn ich erst einmal auf dem Schiff bin und Skandinavien hinter mir lasse, bedeutet dies, dass ich den größten Teil meiner Reise hinter mir habe. Aber noch bin ich unterwegs in Finnland.
Wann immer es mir möglich ist, weiche ich von der Hauptroute, der E8, ab. Auf den kleinen Staatsstraßen fahre ich vorbei an den kleinen roten Holzhäusern, von denen eine Wärme ausgeht, die so charakteristisch für die Länder Skandinaviens ist. In jedem Fenster, das zur Straße hin ausgerichtet befindet sich ein Licht, das den ganzen Tag über leuchtet. Schon allein dies sorgt für eine sehr friedliche Atmosphäre. Die einzelnen Höfe stehen jeder für sich und weit voneinander entfernt und wieder drängt sich mir der Vergleich mit dem Norden Kanadas auf. Vieles ist sehr ähnlich, bis auf die Menschen. Besonders hier in Finnland fällt es mir schwer, mit ihnen in Kontakt zu kommen. Selbst an der Bar versagt meine Kontaktaufnahme. Angesprochen werde ich meist nur vom Personal hinter dem Tresen und über ein woher und wohin, geht das Gespräch selten hinaus. Nicht einmal die Europawahlen animierten finnische Thekenbrüder dazu, das deutsche Wahlergebnis zu kommentieren. Auch, wenn ich während dieser Reise zumeist mit mir selbst zurechtkommen musste, so fühlte ich mich doch zu keinem Zeitpunkt einsam. Diskussionen focht ich mit mir allein aus und ich war mir ein ausgesprochen angenehmer Gesprächspartner.
Am Abend erreichte ich die kleine Hafenstadt auokka. Ein Übernachtungsplatz zum wilden Campen war hier nicht zu finden. Dafür zeigten mir meine Apps ein paar Möglichkeiten informeller Camper-Stellplätze, doch erwiesen sich diese als überaus uncharmant. Asphaltiert in direkter Nachbarschaft zu einem Bauhof zwischen hässlichen Häusern, das war nicht, was ich suchte. Doch dann entdeckte ich oberhalb des Hafenrestaurants einen geschotterten Platz mit Blick auf den Hafen und die Ostsee und… auf eine Theaterbühne.

Es wurde gerade für eine Aufführung am Wochenende geprobt und obwohl ich kein einziges Wort verstand, ist mir klar, dass es sich um eine Laienspielgruppe handelt. Es gab auch immer wieder Gesangseinlagen und allein die waren es wert, das Spektakel über mich ergehen zu lassen.
Es wird erstmals wieder dämmrig. Wie sehr ich mich nach Dunkelheit sehne!

Aus einem Zwischenstopp bis Helsinki wurden es dann doch zwei. Ich wollte ein Stück durch den Naturpark von Hierdunpolku wandern und außerdem erwartet mich dort in Railan Ranta eine Sauna direkt am Meer. Der Weg dorthin war beschwerlich. Acht Kilometer übelster Schotterpiste brachten mich zu einem Platz, der als sehr schön, mit Tisch und Bank und Plumpsklo beschrieben war. Einziger Fehler: Der Platz war geschlossen. Dafür gab es fünfhundert Meter davor die Möglichkeit auf einem Parkplatz zu stehen, auch für die Nacht. Die Wanderung war sehr schön, doch die Sauna blieb ein frommer Wunsch. Es ist Wochenende und da ist die Sauna ausgebucht. Pech gehabt. Aber wenigstens hatte ich die Wanderung immer am Ufer der Ostsee, durch Schilf und Wald. So war ich dann am Abend redlich müde.

Helsinki erreichte ich dann nach einem weiteren, unspektakulären Aufenthalt in Hanko. Es war zu spät um die restlichen zweihundert Kilometer nach Helsinki zu fahren. Doch zuvor machte ich mir noch einen schönen Tag in Turku. Der Besuch der Burg war nicht möglich, da in dieser Woche das Sommermusikfestival stattfindet und das heutige Konzert einer Heavy Metal Band angesagt ist. Schon beim Soundcheck ist mir klar, das ist nicht meins.

Doch dann, am 10. Juni war es endlich so weit. Helsinki, ich komme!

Von Oulu nach Vaasa

Es ist der zweite Juni und ich habe Oulu verlassen. Auf der E8 ziehe ich weiter nach Süden. Auch heute meint es Wetter gut mit mir und so cruise ich dahin. Kurz hinter Oulu lege ich noch einmal einen Stopp ein, um eine Runde zu laufen und hier scheint mir ein geeigneter Ort zu sein. Eineinhalb Stunden später besteige ich wieder meinen FidiBus und fahre weiter bis kurz vor Kokkula. Es soll ein schönes Städtchen sein. Doch ist bereits spät und ich lasse mich von meiner iOverlander App zu einem schönen abgelegenen kleinen Hafen lotsen. Durch einen Zauberwald fahre ich auf geschotterter Piste ein gutes Stück nach Osten, dem Meer entgegen. Und dann am Ende der Straße fahre ich hinaus aus dem Wald und stehe am Ufer einer Bucht mit dem kleinen Hafen. Nur wenige Boote liegen hier. Später am Abend kommen dann noch zwei weitere Boote. Sie kommen von ihrem Wochenendausflug aus den Schären. Sie haben dort auf den kleinen Schäreninseln ihre Hütten. Keine Straße, kein Weg führt dorthin. Nur mit dem Boot kann man sie erreichen. Sofort träume ich mich in eine dieser Hütten, höre nur das Plätschern der Wellen, die sacht ans Ufer rollen, sehe die Sonne wie orange und dann blutrot für ein paar Minuten unter dem Horizont verschwindet, um dann in den neuen Tag hineinzuleuchten. Ach, es ist nur ein Traum. Nach dem Abendessen steige ich ins Bett. Morgen bin ich dann in Kokkola.

Montag, 3. Juni 2024
Wie immer lasse ich mir vor meinem Start viel Zeit. Frühstücke in aller Ruhe, Prüfe noch einmal das Öl des FidiBus, er soll ja nicht heiß laufen, mein treuer, zuverlässiger Gefährte. Gegen Mittag breche ich dann auf. Auf schmaler Schotterpiste stolpere ich voran, parallel zu einem Kanal, der diverse Seen miteinander verbindet. In Ufernähe brütet ein Haubentaucher im Schilf. Immer wieder führen kleine Brücken über den Kanal hinein in einen dichten Wald aus zumeist Birken. Hier erlebe ich eine ungestörte Welt, in der ich der einzige Störenfried bin. Viel zu schnell bin ich wieder heraus aus der verträumten Welt.

Wieder auf der E8 stelle ich fest, dass ich gestern an dem hübschen Ort Raahe vorbeigefahren bin. Ich mache also kehrt. Am Ortseingang steht gleich die alte Kirche. Sie birgt einige schöne alte Holzfiguren. Ich trete ein und befinde mich mitten im Gottesdienst. Zu spät um einfach wieder hinauszugehen und so folge ich den Zeremonien. Die Lieder gleichen eher finnischen Volksliedern als den herkömmlichen Kirchenliedern. Ich gebe mich ganz einfach dieser Stimmung hin, schalte vollkommen ab. Wie gut das tut. Kein Gedanke fliegt in irgendeine Richtung. Die Lieder, die Predigt, wie ich so dasitze, merke ich, dass etwas in mir aufsteigt, was sich wie ein Mantel um mich legt. Tränen laufen mir über die Wangen. Woher sie kommen, kann ich nicht ergründen. Vielleicht ist es das lange mit mir allein sein, das völlige Abschalten, das mich nun, angesichts einer so präsenten Gemeinschaft ergriffen gemacht hat. Ich kann es momentan selbst nicht ergründen und ich möchte das auch in diesem Moment gar nicht.
Auf dem angrenzenden Friedhof, auf dem sich etwa dreißig Gräber gefallener Soldaten befinden, viele hatten das zwanzigste Lebensjahr gerade erst hinter sich gelassen, halte ich kurz inne. Wie viele Leben gehen heute wieder verloren, nicht weit von hier und auch sie wären größtenteils lieber bei ihren Familien als in einer Schlacht, in der sie dem Tod näher sind als dem Leben.

Die kleine Stadt Rahe ist tatsächlich ein hübscher Ort mit kleinen bunten Holzhäschen und herrschaftlichen Wohnhäusern der Kaufleute und Schiffseigner. Im Museum Rahe ist ein Raum gefüllt mit Figuren der alten, abgebrannten Kirche. Ihre Bemalung wirkt geradezu kindlich.
Es gibt auch eine Abteilung, in der Kinderbilder ausgestellt wurden und bei einer der Fotografien musste ich sofort daran denken, dass laut einer internationalen Erhebung, die Finnen das glücklichste Volk seien. Die beiden abgelichteten Kinder gehörten offensichtlich nicht dazu.
Katjas Kommentar: ‚Den Gesichtsausdruck kenne ich. Wie meine nach Fernsehverbot‘.


In Kokkola mache ich meinen nächsten Stopp, Einen Stopp, den man getrost hätte auslassen können. Ich gehe durch die Altstadt, die sehr überschaubar ist. In einem Café schildere ich der Bedienung mein Strafzettelproblem und dass ich das Onlineformular nicht lesen könne. Sofort erklärt sie sich bereit das Formular für mich auszufüllen und wenige Minuten später erhielt ich die Eingangsbestätigung der Behörde von Oulu. So einfach kann es manchmal sein.



Die nächste Station ist Vaasa.
Auch diese Stadt bietet vom Stadtbild her nicht allzu viel. Und dennoch beschließe ich hier ein paar Tage zu bleiben, denn der Campinglatz bietet mal wieder viele Bequemlichkeiten. Für sechzehn Euro stehe ich mitten in einem Wald, mit Blick aufs Wasser und von sieben bis zehn Uhr morgens ist die Sauna, die direkt am Meer liegt, kostenlos. Da schlägt mein Herz höher, zumal das Wetter zum Schwimmen einlädt. Allerdings gibt es auch einen Haken. Die Mücken, diese kleinen Quälgeister haben es auf mich abgesehen und dürsten nach meinem Blut, das ich ihnen jedoch nicht kampflos überlasse. So schicke ich ihre kleinen Seelen mit gezielten Schlägen auf die Reise zur nächsten Station ihrer Seelenwanderung.
Zum Frühstück bekomme ich jedes Mal eine besondere Tierschau geboten. Wendehälse und ein Austernfischer machen sich auf die Suche nach ihrem Frühstück und können dabei den Hals nicht voll genug bekommen.
Die Luft ist voll vom Gesang der Vögel, die deutlich gesprächiger sind als die Menschen. Nun, man kann nicht immer alles haben.

Am 6. Juni ist es dann wieder so weit, ich reise weiter. Mein nächstes Ziel soll Rauma sein.

Am Ende wird’s teuer

Am Ende wird’s teuer

Schon als ich auf der E8 nach Oulu hineinfahre, ist es klar, ich nähere mich einer Großstadt. Es herrscht reger Verkehr, doch Dank Google Maps bin ich rasch in der Innenstadt. Als Erstes fällt mir auf, dass die Straßen voller Menschen sind, dass sie draußen in Cafés sitzen und dass es hier sehr viele junge Menschen gibt. Sofort bekomme ich Lust, mich hier unter die Menschen zu mischen. Einen Parkplatz finde ich schnell in der Nähe eines Kiikeli-Parks. Einer hübschen kleinen Grünanlage, von der aus man über eine Brücke nach Elba gelangt. Ja so schnell gehts dann doch nicht. Wahrscheinlich hat man diese kleine Insel wegen Ihrer Umrisse nach der großen Schwester benannt. Keine 5 Minuten vom Parkplatz entfernt, wurde das Ufer eines Kanals treppenförmig angelegt und überall saßen auf den Treppen junge Menschen. Sie redeten, lachten und machten Musik. In den alten Lagerhäusern waren Lokale, Boutiquen und Bars. Auf dem Vorplatz boten Foodtrucks ihre Produkte an und es war ein erfrischend fröhliches Treiben. Es war laut! Ja auch darüber kann ich mich freuen, wenn ich nur lange genug mit mir allein war. Es ist ja nicht der donnernde Lärm, sondern es ist, wie immer, wenn viele Menschen zusammen sind, eine gesellige Lautstärke, die vom Leben zeugt. Es macht mir Spaß, mich durch die Menschen zu bewegen. Die heute anscheinend besonders fröhlich sind. In einem alten zu einer Bar umgebauten Schuppen findet ein Live-Konzert statt. Da muss ich hin, zumal es kostenlos ist. Aber dann kommt es doch nicht zu dem Konzert. Immer wieder bricht der Bassist ab und mäkelt an seinem Monitor-Lautsprecher herum. Dann bekommt er Streit mit den übrigen Bandmitgliedern, als Erstes verlässt die Leadsängerin die Bühne und kurz darauf auch der Drummer, nicht ohne dem Bassisten mit einer unfeinen Geste seines in die Luft gestochenen Mittelfingers anzudeuten, dass er die Meckerei satthat. Da steht er nun, der Bassist, zuckt die Schultern, murmelt etwas, für mich unverständliches in sein Mikro und packt zusammen. Ich trinke mein Bier aus und schlendere zurück zum FidiBus.
Ja, morgen komme ich wieder. Für die Nacht habe ich mir ein Plätzchen in den Schären gesucht, wo ich mir meinen Stuhl ins Wasser stelle und mit den Füßen im kalten Nass noch ein wenig lese.

Mit dem Lesen war es dann schnell vorbei. Mein Tolino befreite sich aus meinem festen Griff und landete mit einem „Platsch!“ im glücklicherweise beinahe salzfreien Meerbusen. Trotz meines amtlich bestätigten, überdurchschnittlichen Reaktionsvermögens war es zu spät. Zwar zeigte mein Buchersatz noch die letzte von mir gelesene Seite an, weigerte sich jedoch strikt, zu blättern oder sich gar zu schließen. Scharfsinnig schloss ich daraus, dass Wasser nicht sein Element ist, öffnete ihn, schraubte die Platine los, startete meine Dieselheizung und blies ihm die warme Luft durch sein zerlegtes Gehirn. Der anschließende Neustart war dann auch vom Erfolg gekrönt.
Am nächsten Morgen fahre ich also wieder nach Oulu. – Bei dem Namen Oulu fällt mir immer der Roman von Arto Paasilina ein, „Der heulende Müller“. Den hat man wegen seiner elendigen Schreierei und einigen verrückten Aktionen am Ende in die Irrenanstalt nach Oulu einliefert. – FidiBus wird wieder an seinem Platz abgestellt, dort hat er es um diese Zeit, es ist zehn Uhr am Morgen, noch recht schattig. Meinen Rundgang starte ich mit einem Besuch des alten Stadtteils von Oulu, der auf einer kleinen Insel Pikisaari liegt. Leider hat man hier die Hauptstraße komplett aufgebrochen, um Glasfaserkabel zu verlegen. Die Altstadt hat ihren Charme somit an die Baustelle verloren. Ohnehin ist sie nur sehr klein, genau genommen handelt es sich nur um eine Straße, und nach einer halben Stunde habe ich meine Schritte in jede Gasse gelenkt. Gerne hätte ich einen Blick in das Schifffahrtsmuseum geworfen, doch das ist bis zum 6. Juni geschlossen. So laufe ich wieder zurück, vorbei am Theater und an der sehr schönen Bibliothek, beide sind jedoch wegen Renovierung geschlossen. Das Technikmuseum ist ebenfalls vorübergehend geschlossen. Was ist los? Habe ich vielleicht das Schild übersehen „Suomi suljettu tilapäisesti remontin vuoksi – Finnland vorübergehend wegen Renovierung geschlossen“?
Auffällig ist, dass heute Jungs und Mädchen, Männer und Frauen, ja ja, auch Diverse, schick in Anzügen und feinen Kleidern. Die Mädchen mit einer weißen oder roten Rose in der Hand und auf dem Kopf oftmals eine weiße Matrosenmütze, Richtung Marktplatz laufen, wo sie direkt auf die verschiedenen Foodtruck-Restaurants verteilen. Meine Neugier lässt mir keine Ruhe und ich frage einfach einen Passanten, was der Grund für diese außergewöhnliche Show sei. Es ist der Graduation Day. Der letzte Tag in der Schule vor den Ferien, die einen bekamen Zeugnisse, die anderen ihren Schulabschluss. Ich finde, das ist ein hübscher Brauch. Ich denke dabei an meinen Enkel Moritz, bei dessen Zeugnis es dieses Mal wahrscheinlich gerade bis zu nächsten Frittenbude gereicht hätte.

Heute ist die Kauppahalli, die Markthalle, geöffnet. Auf den ersten Blick machte sie den Eindruck einer gut ausgestatteten Markthalle, doch erweist sich das Angebot als äußerst beschränkt. Ein Fischhändler, ein Wurst- und Fleischgeschäft und ansonsten Kunsthandwerk und ein Restaurant. Das alles ist zwar sehr hübsch, aber wenn man die Kleine Markthalle in Frankfurt gewöhnt ist…
Weiter geht es zum Dom. Er wurde nach dem Brand von 1822 im Jahr1832 neu errichtet und ist in seiner Schlichtheit schön. Es läutet die Totenglocke, die nicht wie bei uns daheim ein klägliches Gebimmel ist, sondern sie erinnern eher an buddhistische Klangschalen. Als ich die Kirche verlassen habe, erwartet mich dann doch noch eine Überraschung. Hinter meinem Scheibenwischer hängt ein Strafzettel. Verflixt und zugenäht. Beim Schließen der Tür muss meine Parkscheibe, die ich in die Gummilippen des Seitenfensters geklemmt habe, tatsächlich abgerutscht sein und nun liegt sie als Zeitdokument, mit der eingedrehten Uhrzeit 13:00 Uhr, irgendwo hinter der Seitenverkleidung. Zwar kann ich den Strafzettel nicht lesen, was ich jedoch lesen kann ist die Höhe der Strafe für mein Fehlverhalten. Da steht doch tatsächlich „50 €“! Sofort schaue ich nach, ob es ein Abkommen gibt, dass die Eintreibung von Bußgeldern aus dem Ausland gibt. Gibt es!
Allerdings erst ab einer Höhe von 70 Euro. Soll ich’s drauf ankommen lassen? Ich habe ja 30 Tage Zeit zum Nachdenken. 70 Euro sind schnell erreicht, sollten eventuelle Bearbeitungsgebühren hinzugerechnet werden. Ich werde mir später darüber Gedanken machen. Jetzt fahre ich erst einmal ein Stück weiter nach Kokkula.

Der geschenkte Weihnachtsmann … und weitere Begebenheiten

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19. Mai 2024

Um es kurz zu machen, aus dem Minenbesuch wurde nichts. So fuhr ich also von Kittilä weiter in Richtung Rovaniemi. Zwar hätte ich auch weiterhin auf der Hauptroute bleiben können, aber ich bin nicht so weit gereist um das Land aus der Autobahnperspektive zu erfahren. Immer wieder weiche ich also auf geschotterte Nebenstrecken aus. Bestimmt wird die Landschaft weiterhin von flachen Ebenen, Birken und Fichten, zuweilen Kiefern, deren würziger Duft überall dort wo sie der Sonne ausgesetzt sind, in der Luft liegt, und natürlich Wasser ohne Ende. Mal in Form von Sümpfen dann Seen oder Bäche und kleine Flüsse, deren braune Wasser mal ruhig dahinzieht oder auch rauschend über die Felsen springt.
Durch die vielen Umwege brauche ich für die knapp einhundertundsechzig Kilometer beinahe sechs Stunden. Und dann bin ich im Vorstadtbereich von Romaniemi. Schon von Weitem werde ich an jeder Ecke auf das Weihnachtsmanndorf hingewiesen und die Bilder erinnern mich stark an Disneyland. Jetzt im Sommer Rentierschlittenfahrt auf Rädern, ein Weihnachtsmann als Grüßonkel und Souvenierbuden neben Zuckerwatte und Weihnachtsgedöns. Nee, das tue ich mir nicht an, auch wenn dort der Polarkreis durch ein Seil, in luftiger Höhe aufgehängt ist, den man dann natürlich auch an einigen Stellen überspringen kann, wovon dann sicherlich ein Selfie zeugen muss. Nein, das schenke ich mir. Heute ist der Tag, an dem ich einen Campingplatz aufsuchen möchte. Mein Leib schreit nach einer Dusche und meine Wäsche kann ebenfalls eine Reinigung vertragen. Der erste Platz, den ich anlaufe, ist geschlossen. Der zweite Platz allerdings gewährt mir Unterschlupf. Ich suche mir einen einfachen Platz auf der Zeltwiese direkt am Fluss Kämijokki.
Während meine Wäsche sich in der Trommel dreht, stelle ich mich unter die Dusche und genieße die reinigende Kraft des heißen Wassers. Die Zeit, bis meine Wäsche fertig ist, nutze ich für einen Besuch der Terrasse der platzeigenen Bar und einer alten Tradition folgend…

Am nächsten Tag schlafe ich lange aus, frühstücke ausgiebig und erweitere meinen Bus um die Fläche meines Heckklappenzeltes. Das ist bei der Sonne mehr als angebracht, um mir ein wenig Schatten zu verschaffen. Mit geöffneten Seitenwänden sitze ich zwar im Schatten, habe aber ansonsten um mich herum genug Luft.

Am Nachmittag werde ich die zwei Kilometer in die Stadt laufen, und schaue mich dort ein wenig um. Oje. Jetzt ist mir klar, weshalb der Weihnachtsmann dann doch lieber ins Weihnachtsdisneyland gezogen ist. Viereckige Häuserblocks, langweilige Straßen und eine Shopping-Mall, so attraktiv wie eine Tiefgarage. Aber die Wärme hat wenigstens ein paar Menschen dazu animiert, sich zwischen Bars und diversen Cafés aufzuteilen und ein Eis (eine Kugel 4,5 Euro) zu schlecken. Man, erst jetzt bemerke ich, wie ich mit gierigem Blick die Preistafel am Kiosk verschlinge. Doch nein, die Vernunft siegt.
Auf dem etwas längeren Rückweg schlage ich dann doch zu. Eine Kugel in der Waffel und da ich mangels finnischer Sprachkenntnisse auch die Sorten nicht identifizieren kann, deute ich auf eine grüne Sorte und hoffe, dass es weder Gras noch Pfefferminze ist. NEIN, es ist Pistazie, mein Lieblingsgeschmack. Um sechs bin ich zurück, und bevor es dann zu Bett geht, statte ich der Bar noch einen Besuch ab, einer alten Tradition folgend…

30. Mai 2024

Heute möchte ich weiter reisen, mein Ziel ist nicht weit. Ich werde das Landesinnere verlassen und wieder Berührung mit dem Meer bekommen. Die Fahrt ähnelt der letzten Tour. Bäume, Wasser, Sonne satt. Am Abend erreiche ich Kemi. Mein Herz macht einen Freudensprung. Es gibt eine Promenade und zahlreiche hübsche Bars und Restaurants in historischen Gebäuden. Für die Nacht richte ich mich auf der Pier des Yachthafens ein. Keine gute Idee, wie sich später zeigte.
In einem der verlockenden Strandcafés frönte ich meiner alten Tradition und entschloss mich dann dazu, mein Bett aufzusuchen. Leider hatte eine Gruppe jugendlicher die Pier in Beschlag genommen und trat in einen harten Wettbewerb um das lauteste Moped. Dies wurde später nur noch getoppt durch junge Männer in ihren tollkühnen Kisten. Laut heulen die Motoren der Boliden, ohne dass sie sich auch nur einen Millimeter von der Stelle bewegen. Junge sonnenbebrillte Männer mit cooler, seitlich gedrehter Schirmmütze machen aus ihrer Bewunderung für den kraftvollen Sound keinen Hehl, währen die Freundinnen über Gott und die Welt reden und sich um die Kraftpakete einen Scheißdreck kümmern.

Folgerichtig verlasse ich meinen Platz und finde in der Nähe eines Badestrandes, ebenfalls mit schöner Promenade einen neuen Platz für die Nacht. Mein Abendessen, Nudeln mit Tomatensauce und geröstetem Schinken, gratiniert mit feinstem Emmentaler aus den Höhlen des lokalen K-Marktes entstand mit einigen Laufeinlagen. Etwa fünfmal musste ich zwischen FidiBus und meiner Küche hin und her laufen, bis ich endlich alles beisammen hatte, bis auf das Feuerzeug, dass meinem einflammigem Gasherd zu einer Zündung verhelfen sollt, lag noch in FidiBus‘ wohl sortiertem Küchenfach. Ich laufe ein sechstes Mal.
Geschmeckt hat es nach der vielen Lauferei dennoch.
Ich trauere dem Blick auf der Pier nach, mache einen langen Spaziergang in die Stadt, zurück zu meiner Pier. Restaurants, Bars, Cafés, alles geschlossen und keine Mopeds weit und breit. So gegen 11 Uhr nachts fahre ich also wieder zurück.
Ruhe, absolute Ruhe und so sollte es dann auch die ganze Nacht bleiben.

31. Mai 2024
Bevor ich wieder aufbreche, möchte ich noch eine Stunde laufen. Erst entlang der Promenade, dann durch die Stadt. Nur in unmittelbarer Nähe zum Hafen kann man Kemi als schön bezeichnen oder wenigstens als belebt und mit historischen Relikten des früheren Handels. Im Supermarkt kaufe ich noch ein paar Dinge, Öl, Milch, Joghurt und dann breche ich gegen Mittag auf.

Am frühen Nachmittag bin ich am Bottnischen Meerbusen und finde eine kleine Fischerhütte, einst ein Ort für einen geräucherten Fisch, einen Kaffee oder ein Bier, nun jedoch zwar malerisch, aber geschlossen. Dennoch ist das ein genialer Ort, um meine Drohne aufsteigen zu lassen. Ich schicke sie weit hinaus über das Wasser, zu einer Inselgruppe. Es ist ein toller Blick. Für die einhundertzwanzig Kilometer bis nach Oulu benötige ich wegen der vielen Umwege wieder vier Stunden. Und dann bin ich in einer anderen Welt.

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