Ich habe geträumt heute Nacht. In meinem Traum stapfte ich durch tiefen Schnee, doch er war nicht locker, sondern hatte die Konsistenz von Schlick. Und dann steckte ich fest, meine Beine waren festgesaugt in dieser tückischen Masse und ich konnte sie nicht herausziehen. Glücklicherweise erwachte ich, bevor ich verloren und vergessen in der weißen Schneelandschaft für immer verloren war.
Die Nacht verbrachte ich auf einem Rastplatz nahe der E10 und abgesehen von diesem Traum war mein Schlaf gut und lange und nach den Frühstück mache ich mich auf den Weg. Kurz vor elf soll ab Abisko ein Zug nach Narvik gehen und um vier am Nachmittag kann ich wieder zurück nach Abisko fahren. Für die vierzig Kilometer nach Abisko habe ich zwei Stunden Zeit. Genug um in Abisko alte Erinnerungen zu wecken. Ich las auf dem Weg die Ortsschilder und sie waren mir so vertraut. Torneträsk, hier war die letzte Bahnstation am See. Dann tauchte vor mir die steile Ostwand des Luopakte auf. ‚Mein Berg‘. Hier seilte ich mich einst ab, um nach der Gleitschicht zwischen den Gebirgsdecken zu suchen. Stenbaken, Meine Station, von der ich meinen Weg ins Gelände antrat. Irgendwo dort in einer Mulde musste mein Zeltplatz gelegen haben. Einen Sommer teilte ich mir den Platz mit einer Kommilitonin, der jedoch die Einsamkeit und die fremden Geräusche derart zusetzten, dass sie, nach einem Angriff durch ein Rabenpärchen am nächsten Tag ihre Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes in den Dreck warf und wieder in die sichere Enge ihrer Studentenbude zurückkehrte.
Ich genoss die Ruhe, die Freiheit, die Demut, wenn die sich die Gewitter an der Felswand brachen und mit ungeheurem Getöse aus allen Richtungen zu kommen schienen. Dann lag ich im Zelt oder versteckte mich hinter großen Felsen, in der Hoffnung, dass mich die Blitze nicht finden.
Schien die Sonne, legte ich mich, barfuß bis zum Hals, auf die Wiese und wurde nur durch die Rülpslaute der Schneehühner gestört. Fast fünfzig Jahre liegt das nun schon zurück und noch immer spüre ich die Kraft der Prägung in diese Zeit. Und dann bohrt sich durch die Schicht der Erinnerung eine seltsame Traurigkeit. Mit einem Schlag wird mir meine Endlichkeit bewusst. Ich werde ‚meinen Berg heute wohl ein letztes Mal sehen. Ein letztes Mal meine Erinnerungen in jene reale Welt zurücktragen in der sich so viel verändert hat. Da steht ‚mein Berg‘ und es ist ihm so egal, was ich an ihm erforschen wollte, wieviele wärmende Feuer ich an seinem Fuße entfachte, was ich in seiner Nähe erträumte und ob ich ihn ehrfürchtig oder mit wissenschaftlicher Arroganz betrachte. Wenn ich schon nicht mehr auf dieser Erde wandele hat mein Berg noch Jahrmillionen vor sich. Hier und da bekommt er ein paar Narben, er altert, wie das Gesicht eines Greises, in dem, wie auf den Rillen einer Schallplatte ein ganzes Leben gespeichert ist. So werden zukünftige Wissenschaftler das alte Gesicht meines Berges studieren.
Ich bin so verzaubert von meinen Erinnerungen, dass ich die Zeit vergesse und nun spute ich mich um rechtzeitig in Abisko zu sein. Dieses kleine beschauliche Dorf aus dereinst einer handvoll kleiner Holzhäuser ist zu einer Stadt gewachsen. Nur mit Mühe erkenne ich den Bahnhof wieder. Wo ist unser kleiner Laden, der bei Ankunft der Marburger Geologen sein Lager mit Paletten von Leichtbier bis unter das Dach füllte? Weg! Wo der kleine Schotterweg an dem aus den Häusern links und rechts der unverkennbare Dunst der Schnappsdestillen für den guten Hjemebrand, dem Hausschnaps, drang? Weg! Stattdessen ein Supermarkt, eine Schamanin, die in ihrem Shop ihre Dienste den Touristen auf bunten Plakaten anbietet und – keine Eisenbahn. Es verkehren nach einem Unglück mit einem Erzzug vorerst keine Personenzüge auf der Strecke Abisko – Narvik, da die Strecke repariert und gesichert wird. Ich treffe ein paar Gleisarbeiter und sie erzählen mir von den zwei Unfällen, leider sprechen sie nur sehr schlecht englisch, dafür aber umso besser deutsch, denn es sind deutsche Arbeiter, die hier vom europäischen Ausschreibungsverfahren profitieren.
Wie von einem Magneten angezogen lande ich dann in der wissenschaftlichen Station Abisko und trotz vieler Veränderungen ist doch Vieles noch wie vor fünfzig Jahren. Da steht unsere Hütte an der gleichen Stelle mit dem gleichen Namen „Salix“, Dort die Hütte „Calix“, an deren Wand damals eine große Strichliste aller von uns getrunkener Biere hing. Die Labore, die Küche und selbst die kreative Unordnung auf dem Gelände war zwischen all dem Neuen noch vorhanden.
Ich nutze ich die Zeit und laufe, einen heute sehr bequem begehbaren Holzsteg entlang am Canyon des Abiskojaure. Auch hier traten die Erinnerungen vor mein inneres Auge, in der junge Frauen, die in der Touriststation wohnten, nur bekleidet mit dem, was Gott ihnen mitgab, die Sonne verehrten, unbeeindruckt von der Unzahl hungriger Mücken. Ach…
Ich reiße mich von meinen Gedankenlos, cruise langsam weiter, vorbei an all den Bahnstationen, die für immer in mein Gehirn geprägt sind und durch die wohl aufregenste Welt Lapplands.
Narvik, in meinem Rückblick eine so brodelnde belebte Stadt zeigt sich mir heute als ein träger langweiliger Industriehafen ohne Charme. Hier hat mir meine Erinnerung wohl einen derben Streich gespielt. Ich verlasse die Stadt, suche mir einen netten Platz für die Nacht und trinke mein letztes Bier.
Bis morgen!








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