Longyearby zweiter Teil
Es ist der neunzehnte Mai und ich muss meine gemütliche Unterkunft von Polar Bear verlassen und umziehen in das Guesthouse. Das war ein Fehler in meiner Planung. Da ich zuerst meine das vermeintlich günstigere Guesthouse 102 buchte, die aber erst ab dem neunzehnten Mai ein Einzelzimmer frei hatte, buchte ich mir davor das etwas teurere, aber wie sich herausstellte, ungemein gemütliche und sehr zentral gelegene Polar Bear für die davor liegende Zeit. Das Guesthouse liegt vom Zentrum zwei Kilometer entfernt und das kann nach einem langen Tag zu viel sein, um, einer alten Tradition folgend…
Andererseits regt es meinen Ehrgeiz an sowohl den Hin- als auch den Rückweg in die Karlsberg-Bar ausschließlich mit der Kraft meiner Beine zu bewältigen.
Glücklicherweise muss ich mein Gepäck nicht die zwei Kilometer bis ins Guesthouse tragen. Es waren ja nicht nur meine zwei Rucksäcke, sondern auch die vielen Lebensmittel die Julia und Kinga mir überlassen hatten zu translozieren.
Katarina von Spitzbergen Reisen organisierte es so, dass ich am Ende meiner heutigen Wanderung von dem Guide, verzeiht, ich habe ihren Namen vergessen, mit meinem Gepäck ins Gästehaus gefahren werde.
Um halb zehn treffen wir uns zur Wanderung. Maraike ist heute unsere bewaffnete Begleiterin. Mit dem Bus geht es hinaus, am Flughafen vorbei bis ans Ende der Straße, dann wird gelaufen. Es liegt noch viel Schnee und das Gelände ist teilweise vereist. Sicherheitshalber verteilt Maraike Schneeketten für unsere Schuhe an uns Wandervögel. Neun Personen, davon drei Taiwanerinnen, ein amerikanisches Paar, zwei Schweizer Mädels mit Fotos, deren Objektive in keinen Rucksack passten und einer weiteren Person, die durch nichts aufgefallen ist, somit auch nicht durch irgendeine Nationalität. Das besondere auf Svalbard ist, dass es keine Wanderwege gibt. So stolpern wir über das grobe Geröll aus Gneisen und stapfen durch Schnee. Es hat in der letzten Zeit stark getaut und so befinden sich unter dem weichen, faulen und knietiefen Schnee häufig Wasserläufe und bricht man durch den Schnee hindurch holt man sich schnell nasse Füße oder, wie es einer der Taiwanerinnen erging, verliert man auch schon mal den Schuh. Er fand sich glücklicherweise nach einigem Graben wieder. In wahre Begeisterung brachen sie aus, als ich Ihnen zwei Stückchen Kohle, die ich seit ein paar Tagen mit mir herum trug schenkte, weil sie wissen wollten, wie Kohle ausschaut, wenn sie frisch aus dem Berg kommt. Wir laufen das Björndal ein Stück hinein, treffen auf zwei Polarfüchse, die ausschauten, als wären sie selbst gerade erst aus der Kohlemine gekommen, da sie sich im Fellwechsel befinden, das nun schon recht schwarz / weiß gefleckt ist. Das Spitzbergen-Ren mit seinem kompakten Körperbau und den kurzen Beine ist sehr zutraulich und neugierig uns so müssen wir uns nicht an die Tiere heranpirschen, sie kommen auf uns zu posieren und ziehen ihres Weges.
Der Rückweg verläuft entlang eines Flusses zurück zum Fjord. Ein eisiger Nordwind hat das Eis hier ans Ufer getrieben. Ein kaltes Bild. Nach fünf Stunden sind wir zurück. Ich werde im Gästehaus samt Gepäck abgesetzt und richte mich nun erst einmal ein.




Das Zimmer ist größer als gedacht, es liegt im ersten Stock, Frühstück ist im Preis inbegriffen und die frischen Waffeln sind ein Gedicht, wie sich am nächsten Morgen zeigt. Doch es ist Zeit zurückzugehen in die Stadt, einer alten Tradition folgend…
Auf dem Rückweg hat der Wind aufgefrischt, er bläst mir nun eiskalt ins Gesicht und ich bin froh, als ich in mein warmes Bett krieche
Seit gestern plagt mich ein fürchterliches Jucken vom Abschluss meiner Söckchen bis zum Knie. Es ist hauptsächlich meine rechte Seite betroffen, doch auch links spüre ich erste Anzeichen.
Heißes Abduschen der betroffenen Stellen, was sich wie eine totale Überreizung anfühlt, so als hätte man mich auf Dauer an ein Stromnetz angeschlossen, hilft wenigstens für die Nacht, doch morgen muss ich zurück in die Strümpfe und Schuhe, denn der Besuch der Grube #3 ist angesagt.
Grube #3
Pünktlich um ein Uhr werde ich aus dem Guesthouse abgeholt. Zusammen sind wir heute wieder 11 Personen plus Guide. Die Fahrt geht vorbei an dem Global Seed Vault Fahren wir in die Grube #3, einer Kohlemine, die von 1971 bis 1996 produktiv war. Sie ist die einzige Grube die nicht vollständig rückgebaut wurde. Alle Gerätschaften sind in ihr verblieben und so verspricht das eine interessante Tour zu werden. Unser Guide, ichglaube, er hieß Eric, ansonsten nenne ich ihn jetzt einfach einmal so, gab uns eine kurze geschichtliche Einführung. Alle, die einmal in einen Streb hineinkriechen wollten, bekamen dann noch einen Overall und dann ging es auch schon los. Anders als im mitteleuropäischen Bergbau gab es durchaus Frauen unter Tage. Sie arbeiteten als Elektrikerinnen, Mechanikerinnen aber in einigen Fällen auch als Hauer.
Nachdem die erste Frau in der Mine arbeitete begannen einige Männer die Grubenbahn mit Malereien zu verzieren.




So, nun ist alles erklärt, wir nehmen Helm und Lampe in Empfang und dann „Glück auf“.
Es ist kalt in der Grube. Die Temperatur liegt das ganze Jahr über bei -2°C bis -3°C und ich bekomme schnell kalte Finger. Ich hätte besser meine Handschuhe mitgenommen. Als erstes gelangen wir an einen Seitenstollen, der nach wenigen Metern jedoch verschlossen ist. Hier lagert ein Teil der Samen aus dem Global Seed Vault1. Über einen Zeitraum von einhundert Jahren soll untersucht werden, welche Auswirkungen es hätte, würde die Kühlung des des Global Seed Vault ausfallen.
Wir bekommen hier auch vorgeführt, wie es sich wohl anfühlt. In einem solchen Stollen oder einer Höhle ganz ohne Licht und Außengeräusche für einen längeren Zeitraum zu überstehen. Licht aus und alle einmal ganz still sein. Ich gebe zu, dass ist eine sehr bedrückende Erfahrung. Wie mag es erst nach einem Unglück sein, wenn man nicht einmal das Ausmaß der Zerstörung mehr erkennen kann.
Beeindruckend ist ein Blick in die Abbaustrecken. Oft sind diese nicht höher als fünfzig Zentimeter. In diese arbeiteten sich die Bergleute kriechend bis zu zweihundert Meter in die Kohle. Immer schoben oder zogen sie das schwere Werkzeug und die Eisernen Stempel um den Abbau zu sichern vor sich her oder zogen es nach. Zwölf Stunden im Liegen arbeiten, das erforderte besondere Menschen.
Die Grube 3 birgt aber auch noch eine weitere Besonderheit. Nämlich das Atlantic World Archive. Auch hier hat man den Permafrost genutzt um Dokumente auf speziell entwickeltem Mikrofilm zu lagern. Dieses Archiv wird von einem privaten Unternehmen betrieben und jeder Mensch, der etwas für eine gewisse Zeit archiviert bekommen möchte, kann sich hier einkaufen. Gegen eine Gebühr kann das Archiv für fünfzig, einhundert oder mehr Jahre nutzen. Eine Nutzbarkeit der Daten wird für mindesten 2000 Jahre garantiert.
Nach drei Stunden treten wir wieder ins Tageslicht. Die vier Grad Plus kommen mir nun richtig warm vor. Die Tour lohnt sich in jedem Fall, auch wenn der Guide sichtlich Spaß daran fand, bei seinen Erklärungen hin und wieder ins Schlüpfrige zu verfallen,
Spritztour zu den Walrössern
Und dann kommt am 20. Mai der letzte Ausflug. Auf ihn habe ich mich am meisten gefreut.
Mit dem Boot fahren wir auf eine Walross-Safari. Unsere Guides sind dieses Mal Agnes und Oscar. Etwa eine Stunde fahren wir mit dem Schnellboot auf die andere Seite des Fjordes. Hier vom Wasser aus tut sich vor uns ein grandioses Panorama auf. Schneebedeckte Berge, Drifteis auf dem Wasser und blauer Himmel. Welch ein Glück! Wir nähern uns dem Eis vor dem Longyearby gegenüberliegenden Ufer. Und da, könnten das bereits die ersten Walrösser sein. Dieses Mal war es ein Fehlalarm, es waren lediglich ein paar Felsen, die aus dem Eis herausragte, doch dann das Signal Walrösser! Drei dieser mächtigen Tiere konnte man mit dem Fernglas ausmachen. Na ja, ein wenig näher hätte ich sie mir doch gewünscht, doch besser so als gar nicht. Und dann entdeckten wir sie. Zwei Männchen lagen da am Rand des Eises und sonnten sich. Dieses mal fuhren wir so dicht an sie heran, dass sie sich gerade so noch nicht gestresst fühlen. Während der eine Bulle völlig apathisch dalag, zeigte uns der andere seine respektablen Elfenbeinzähne. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie dick meine Speckschicht sein müsste um so entspannt in der Sonne zu liegen ohne einen kalten Hintern zu bekommen. Nun herrschte große Aufregung auf dem Boot. Jeder wollte eine besonders gute Position für sein Foto. Ich hatte, was ich wollte und überließ den anderen meinen Platz. Diese Gelegenheit nutzte Agnes, als sie herausbekam, dass ich vom Fach bin, um mir Fragen zur Entstehung Svalbards, der Berge und Plattenverschiebung erklären zu lassen und auch, woher die Form der Berge stammt und ob man aufgrund der Gebirgsform eine Aussage über das Gestein machen könnte. Ich war froh, dass ich mich zuvor ein wenig über die Geologie Spitzbergens informiert hatte und so konnte ich ihre Fragen einigermaßen sinnvoll beantworten. Nach einer halben Stunde winkte der aktiver Walrossbulle mit einer Flosse, als wolle er uns sagen: „Nun reichts! Zieht Leine und lasst uns schlafen“.
Das Signal wirde verstanden. Wir drehten ab, fuhren noch ein wenig an den großen blauen Gletschern vorbei, die leider wegen des dichten Eises doch in einiger Ferne blieben. Aber es war genug, um sich ihre Mächtigkeit vorzustellen. Dann war auch dieses Abenteuer vorüber. Wieder an Land, zog ich einer alten Tradition folgend…





Ein weiterer Abschied
Noch einmal esse ich die köstlichen Waffeln das Guesthouse 102 und dann wird mal wieder gepackt. Immer wieder erfüllen mich letzte Male mit diesem Entgültigkeitsgefühl, obwohl ich mich dieses Mal leichter trennen kann. Eine Woche auf Spitzbergen ist für die meisten Besucher ausreichend und teuer.
Da man sich hier ohne Gewehr und das heißt auch, ohne einen Guide nicht aus der Stadt herausbewegen kann, sind individuelle Touren so gut wie unmöglich. Jede Tour benötigt eine Guide, eine Gruppe und das ist mit Kosten verbunden; hohen Kosten. Nach Low-Budget-Touren brauchst du gar nicht erst zu fragen, denn außer einem Lachen und einem Kopfschütteln gibt es hier nichts umsonst.
Pünktlich um drei Uhr hebt mein Flieger Richtung Tromsö ab. Wieder fliegen wir über den Wolken und wieder bleibt mir ein Blick von Oben auf Svalbard versagt. Schade!
In Tromsö angekommen nehme ich meinen FidiBus in die Arme, fahre in die Stadt und suche meinen alten Standplatz auf. Dann kämme ich mich, ziehe mir eine frische Hose und ein neues Hemd an und…
feiere meinen Geburtstag. Vom letzten Mal weiß ich, dass ein gutes Lokal ganz in der Nähe am Hafen ist. Es ist gemütlich und man wird bedient. Keine Selbstverständlichkeit in skandinavischen Restaurants. Heute lasse ich es mir gut gehen. Einen Dobble Iced Gin als Aperetiv, eine hervorragende Norwegische Zwiebelsuppe in einer Rotwein-Rinderbouillon als Vorspeise und zum Hauptgang Rentiersteak vom Svalbard-Ren mit neuen Kartoffeln auf dem Gemüsebett und einem ganz hervorragenden Rotweinfond.
Als Dessert gab’s die Rechnung und ich schaute mich um, ob unbemerkt eine zweite Person mit mir gespeist hatte. EGAL!!! Es war ein schöner Abend, aber zu zweit wäre er tatsächlich noch viel schöner gewesen, gell!
Glücklich und zufrieden legte ich mich ins Bett und gab mich meinem Juckreiz hin. Verdammt, wenn das nicht aufhört…
Bevor ich Tromsö verlasse mache ich am nächsten Tag noch einen Stadtrundgang durch die Altstadt, setze mich auf die Terasse eines Kaffees und genieße die Wärme der Sonne. Um drei Uhr am Nachmittag heißt es dann „Tromsö Adee“. Das nächste Ziel ist Alta.


- Das global Seed Vault ist eine Samenbank für Getreidesamen der ganzen Welt bei -18°C. Es soll eines Tages dazu dienen, ausgestorbene oder vernichtete Getreidesorten nachziehen zu können, unter anderem auch nach einer atomaren Katastrophe. ↩︎
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