Es ist der zweite Juni und ich habe Oulu verlassen. Auf der E8 ziehe ich weiter nach Süden. Auch heute meint es Wetter gut mit mir und so cruise ich dahin. Kurz hinter Oulu lege ich noch einmal einen Stopp ein, um eine Runde zu laufen und hier scheint mir ein geeigneter Ort zu sein. Eineinhalb Stunden später besteige ich wieder meinen FidiBus und fahre weiter bis kurz vor Kokkula. Es soll ein schönes Städtchen sein. Doch ist bereits spät und ich lasse mich von meiner iOverlander App zu einem schönen abgelegenen kleinen Hafen lotsen. Durch einen Zauberwald fahre ich auf geschotterter Piste ein gutes Stück nach Osten, dem Meer entgegen. Und dann am Ende der Straße fahre ich hinaus aus dem Wald und stehe am Ufer einer Bucht mit dem kleinen Hafen. Nur wenige Boote liegen hier. Später am Abend kommen dann noch zwei weitere Boote. Sie kommen von ihrem Wochenendausflug aus den Schären. Sie haben dort auf den kleinen Schäreninseln ihre Hütten. Keine Straße, kein Weg führt dorthin. Nur mit dem Boot kann man sie erreichen. Sofort träume ich mich in eine dieser Hütten, höre nur das Plätschern der Wellen, die sacht ans Ufer rollen, sehe die Sonne wie orange und dann blutrot für ein paar Minuten unter dem Horizont verschwindet, um dann in den neuen Tag hineinzuleuchten. Ach, es ist nur ein Traum. Nach dem Abendessen steige ich ins Bett. Morgen bin ich dann in Kokkola.

Montag, 3. Juni 2024
Wie immer lasse ich mir vor meinem Start viel Zeit. Frühstücke in aller Ruhe, Prüfe noch einmal das Öl des FidiBus, er soll ja nicht heiß laufen, mein treuer, zuverlässiger Gefährte. Gegen Mittag breche ich dann auf. Auf schmaler Schotterpiste stolpere ich voran, parallel zu einem Kanal, der diverse Seen miteinander verbindet. In Ufernähe brütet ein Haubentaucher im Schilf. Immer wieder führen kleine Brücken über den Kanal hinein in einen dichten Wald aus zumeist Birken. Hier erlebe ich eine ungestörte Welt, in der ich der einzige Störenfried bin. Viel zu schnell bin ich wieder heraus aus der verträumten Welt.

Wieder auf der E8 stelle ich fest, dass ich gestern an dem hübschen Ort Raahe vorbeigefahren bin. Ich mache also kehrt. Am Ortseingang steht gleich die alte Kirche. Sie birgt einige schöne alte Holzfiguren. Ich trete ein und befinde mich mitten im Gottesdienst. Zu spät um einfach wieder hinauszugehen und so folge ich den Zeremonien. Die Lieder gleichen eher finnischen Volksliedern als den herkömmlichen Kirchenliedern. Ich gebe mich ganz einfach dieser Stimmung hin, schalte vollkommen ab. Wie gut das tut. Kein Gedanke fliegt in irgendeine Richtung. Die Lieder, die Predigt, wie ich so dasitze, merke ich, dass etwas in mir aufsteigt, was sich wie ein Mantel um mich legt. Tränen laufen mir über die Wangen. Woher sie kommen, kann ich nicht ergründen. Vielleicht ist es das lange mit mir allein sein, das völlige Abschalten, das mich nun, angesichts einer so präsenten Gemeinschaft ergriffen gemacht hat. Ich kann es momentan selbst nicht ergründen und ich möchte das auch in diesem Moment gar nicht.
Auf dem angrenzenden Friedhof, auf dem sich etwa dreißig Gräber gefallener Soldaten befinden, viele hatten das zwanzigste Lebensjahr gerade erst hinter sich gelassen, halte ich kurz inne. Wie viele Leben gehen heute wieder verloren, nicht weit von hier und auch sie wären größtenteils lieber bei ihren Familien als in einer Schlacht, in der sie dem Tod näher sind als dem Leben.

Die kleine Stadt Rahe ist tatsächlich ein hübscher Ort mit kleinen bunten Holzhäschen und herrschaftlichen Wohnhäusern der Kaufleute und Schiffseigner. Im Museum Rahe ist ein Raum gefüllt mit Figuren der alten, abgebrannten Kirche. Ihre Bemalung wirkt geradezu kindlich.
Es gibt auch eine Abteilung, in der Kinderbilder ausgestellt wurden und bei einer der Fotografien musste ich sofort daran denken, dass laut einer internationalen Erhebung, die Finnen das glücklichste Volk seien. Die beiden abgelichteten Kinder gehörten offensichtlich nicht dazu.
Katjas Kommentar: ‚Den Gesichtsausdruck kenne ich. Wie meine nach Fernsehverbot‘.


In Kokkola mache ich meinen nächsten Stopp, Einen Stopp, den man getrost hätte auslassen können. Ich gehe durch die Altstadt, die sehr überschaubar ist. In einem Café schildere ich der Bedienung mein Strafzettelproblem und dass ich das Onlineformular nicht lesen könne. Sofort erklärt sie sich bereit das Formular für mich auszufüllen und wenige Minuten später erhielt ich die Eingangsbestätigung der Behörde von Oulu. So einfach kann es manchmal sein.



Die nächste Station ist Vaasa.
Auch diese Stadt bietet vom Stadtbild her nicht allzu viel. Und dennoch beschließe ich hier ein paar Tage zu bleiben, denn der Campinglatz bietet mal wieder viele Bequemlichkeiten. Für sechzehn Euro stehe ich mitten in einem Wald, mit Blick aufs Wasser und von sieben bis zehn Uhr morgens ist die Sauna, die direkt am Meer liegt, kostenlos. Da schlägt mein Herz höher, zumal das Wetter zum Schwimmen einlädt. Allerdings gibt es auch einen Haken. Die Mücken, diese kleinen Quälgeister haben es auf mich abgesehen und dürsten nach meinem Blut, das ich ihnen jedoch nicht kampflos überlasse. So schicke ich ihre kleinen Seelen mit gezielten Schlägen auf die Reise zur nächsten Station ihrer Seelenwanderung.
Zum Frühstück bekomme ich jedes Mal eine besondere Tierschau geboten. Wendehälse und ein Austernfischer machen sich auf die Suche nach ihrem Frühstück und können dabei den Hals nicht voll genug bekommen.
Die Luft ist voll vom Gesang der Vögel, die deutlich gesprächiger sind als die Menschen. Nun, man kann nicht immer alles haben.

Am 6. Juni ist es dann wieder so weit, ich reise weiter. Mein nächstes Ziel soll Rauma sein.