Am Ende wird’s teuer

Schon als ich auf der E8 nach Oulu hineinfahre, ist es klar, ich nähere mich einer Großstadt. Es herrscht reger Verkehr, doch Dank Google Maps bin ich rasch in der Innenstadt. Als Erstes fällt mir auf, dass die Straßen voller Menschen sind, dass sie draußen in Cafés sitzen und dass es hier sehr viele junge Menschen gibt. Sofort bekomme ich Lust, mich hier unter die Menschen zu mischen. Einen Parkplatz finde ich schnell in der Nähe eines Kiikeli-Parks. Einer hübschen kleinen Grünanlage, von der aus man über eine Brücke nach Elba gelangt. Ja so schnell gehts dann doch nicht. Wahrscheinlich hat man diese kleine Insel wegen Ihrer Umrisse nach der großen Schwester benannt. Keine 5 Minuten vom Parkplatz entfernt, wurde das Ufer eines Kanals treppenförmig angelegt und überall saßen auf den Treppen junge Menschen. Sie redeten, lachten und machten Musik. In den alten Lagerhäusern waren Lokale, Boutiquen und Bars. Auf dem Vorplatz boten Foodtrucks ihre Produkte an und es war ein erfrischend fröhliches Treiben. Es war laut! Ja auch darüber kann ich mich freuen, wenn ich nur lange genug mit mir allein war. Es ist ja nicht der donnernde Lärm, sondern es ist, wie immer, wenn viele Menschen zusammen sind, eine gesellige Lautstärke, die vom Leben zeugt. Es macht mir Spaß, mich durch die Menschen zu bewegen. Die heute anscheinend besonders fröhlich sind. In einem alten zu einer Bar umgebauten Schuppen findet ein Live-Konzert statt. Da muss ich hin, zumal es kostenlos ist. Aber dann kommt es doch nicht zu dem Konzert. Immer wieder bricht der Bassist ab und mäkelt an seinem Monitor-Lautsprecher herum. Dann bekommt er Streit mit den übrigen Bandmitgliedern, als Erstes verlässt die Leadsängerin die Bühne und kurz darauf auch der Drummer, nicht ohne dem Bassisten mit einer unfeinen Geste seines in die Luft gestochenen Mittelfingers anzudeuten, dass er die Meckerei satthat. Da steht er nun, der Bassist, zuckt die Schultern, murmelt etwas, für mich unverständliches in sein Mikro und packt zusammen. Ich trinke mein Bier aus und schlendere zurück zum FidiBus.
Ja, morgen komme ich wieder. Für die Nacht habe ich mir ein Plätzchen in den Schären gesucht, wo ich mir meinen Stuhl ins Wasser stelle und mit den Füßen im kalten Nass noch ein wenig lese.

Mit dem Lesen war es dann schnell vorbei. Mein Tolino befreite sich aus meinem festen Griff und landete mit einem „Platsch!“ im glücklicherweise beinahe salzfreien Meerbusen. Trotz meines amtlich bestätigten, überdurchschnittlichen Reaktionsvermögens war es zu spät. Zwar zeigte mein Buchersatz noch die letzte von mir gelesene Seite an, weigerte sich jedoch strikt, zu blättern oder sich gar zu schließen. Scharfsinnig schloss ich daraus, dass Wasser nicht sein Element ist, öffnete ihn, schraubte die Platine los, startete meine Dieselheizung und blies ihm die warme Luft durch sein zerlegtes Gehirn. Der anschließende Neustart war dann auch vom Erfolg gekrönt.
Am nächsten Morgen fahre ich also wieder nach Oulu. – Bei dem Namen Oulu fällt mir immer der Roman von Arto Paasilina ein, „Der heulende Müller“. Den hat man wegen seiner elendigen Schreierei und einigen verrückten Aktionen am Ende in die Irrenanstalt nach Oulu einliefert. – FidiBus wird wieder an seinem Platz abgestellt, dort hat er es um diese Zeit, es ist zehn Uhr am Morgen, noch recht schattig. Meinen Rundgang starte ich mit einem Besuch des alten Stadtteils von Oulu, der auf einer kleinen Insel Pikisaari liegt. Leider hat man hier die Hauptstraße komplett aufgebrochen, um Glasfaserkabel zu verlegen. Die Altstadt hat ihren Charme somit an die Baustelle verloren. Ohnehin ist sie nur sehr klein, genau genommen handelt es sich nur um eine Straße, und nach einer halben Stunde habe ich meine Schritte in jede Gasse gelenkt. Gerne hätte ich einen Blick in das Schifffahrtsmuseum geworfen, doch das ist bis zum 6. Juni geschlossen. So laufe ich wieder zurück, vorbei am Theater und an der sehr schönen Bibliothek, beide sind jedoch wegen Renovierung geschlossen. Das Technikmuseum ist ebenfalls vorübergehend geschlossen. Was ist los? Habe ich vielleicht das Schild übersehen „Suomi suljettu tilapäisesti remontin vuoksi – Finnland vorübergehend wegen Renovierung geschlossen“?
Auffällig ist, dass heute Jungs und Mädchen, Männer und Frauen, ja ja, auch Diverse, schick in Anzügen und feinen Kleidern. Die Mädchen mit einer weißen oder roten Rose in der Hand und auf dem Kopf oftmals eine weiße Matrosenmütze, Richtung Marktplatz laufen, wo sie direkt auf die verschiedenen Foodtruck-Restaurants verteilen. Meine Neugier lässt mir keine Ruhe und ich frage einfach einen Passanten, was der Grund für diese außergewöhnliche Show sei. Es ist der Graduation Day. Der letzte Tag in der Schule vor den Ferien, die einen bekamen Zeugnisse, die anderen ihren Schulabschluss. Ich finde, das ist ein hübscher Brauch. Ich denke dabei an meinen Enkel Moritz, bei dessen Zeugnis es dieses Mal wahrscheinlich gerade bis zu nächsten Frittenbude gereicht hätte.

Heute ist die Kauppahalli, die Markthalle, geöffnet. Auf den ersten Blick machte sie den Eindruck einer gut ausgestatteten Markthalle, doch erweist sich das Angebot als äußerst beschränkt. Ein Fischhändler, ein Wurst- und Fleischgeschäft und ansonsten Kunsthandwerk und ein Restaurant. Das alles ist zwar sehr hübsch, aber wenn man die Kleine Markthalle in Frankfurt gewöhnt ist…
Weiter geht es zum Dom. Er wurde nach dem Brand von 1822 im Jahr1832 neu errichtet und ist in seiner Schlichtheit schön. Es läutet die Totenglocke, die nicht wie bei uns daheim ein klägliches Gebimmel ist, sondern sie erinnern eher an buddhistische Klangschalen. Als ich die Kirche verlassen habe, erwartet mich dann doch noch eine Überraschung. Hinter meinem Scheibenwischer hängt ein Strafzettel. Verflixt und zugenäht. Beim Schließen der Tür muss meine Parkscheibe, die ich in die Gummilippen des Seitenfensters geklemmt habe, tatsächlich abgerutscht sein und nun liegt sie als Zeitdokument, mit der eingedrehten Uhrzeit 13:00 Uhr, irgendwo hinter der Seitenverkleidung. Zwar kann ich den Strafzettel nicht lesen, was ich jedoch lesen kann ist die Höhe der Strafe für mein Fehlverhalten. Da steht doch tatsächlich „50 €“! Sofort schaue ich nach, ob es ein Abkommen gibt, dass die Eintreibung von Bußgeldern aus dem Ausland gibt. Gibt es!
Allerdings erst ab einer Höhe von 70 Euro. Soll ich’s drauf ankommen lassen? Ich habe ja 30 Tage Zeit zum Nachdenken. 70 Euro sind schnell erreicht, sollten eventuelle Bearbeitungsgebühren hinzugerechnet werden. Ich werde mir später darüber Gedanken machen. Jetzt fahre ich erst einmal ein Stück weiter nach Kokkula.