Mit dem Fidibus auf Reisen

Kategorie: Reisebericht

Riga, ganz entspannt

Heute scheint die Sonne und es verspricht ein warmer Tag zu werden. Genau richtig für einen weiteren Stadtrundgang. Die kaputte Hose habe ich in meine Kleiderkiste verbannt, die neue Hose ist auf Löcher und Fluchtwege untersucht und ich bestelle mir wieder ein Taxi. Die App zeigt mir einen Preis bis zum Jugendstil-Quartier, zwanzig Minuten Fahrzeit, von einem Euro und achtzig Cent und eine Wartezeit von 2 Minuten. Alle Angeben stimmten exakt. Direkt vor dem Jugendstil-Museum ließ ich mich in der Alberta Iela absetzen. Das Taxi entfernte sich und meine Verlier-App verhielt sich ruhig. Vorsichtshalber überprüfe ich selbst noch einmal alles. Autoschlüssel im Rucksack, Portemonnaie in der Tasche, Ersatzschlüssel am Bus. Prima. Dann also los. Die Alberta Iela ist wohl die bekannteste Straße des Jugendstilzentrums. Hier stehen die schönsten und am besten renovierten Häuser dicht an dicht. Allerdings auch nur auf einer Straßenseite. Die andere Seite ist ein wenig unspektakulärer, sieht man einmal von der Residenz der Botschaften Österreichs und Irlands ab, die ebenfalls in einem prachtvollen Gebäude untergebracht sind. An einem Postkartenständer stoße ich auf ein älteres Ehepaar, das sich mit einem Stapel von Postkarten eindeckt, die alle ein Motiv zeigen. Es ist das Haus, in dem sich auch das Jugendstil-Museum befindet. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass seine Großeltern einst im fünften Stock des Hauses gewohnt hatten. Wäre ich bereits im Museum gewesen, hätte ich gewusst, mit wem ich es da zu tun habe.

Das Museum gibt einen guten Einblick in das Leben der besseren Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Ich betrete das Haus und stehe in einem gewendelten Treppenhaus. Der Blick nach oben nimmt mich gefangen und ich stelle mir vor, wie die Herren mit Gehstock, Frack und Zylinder, die Damen in Rüschenbluse und langem Rock, auf dem Kopf ein Federhütchen die Stiegen hinaufschreiten. Mir das vorzustellen ist nicht schwer, denn das Personal des Museums ist im Stil des zwanzigsten Jahrhunderts gekleidet.
Es muss eine sehr widersprüchliche Zeit gewesen sein. Auf der einen Seite der Aufbruch in eine neue Zeit, mit modernen Tänzen und Chansons und bis ins frivole, frech provokante Gesellschaftsleben, andererseits, die streng hierarchisch und in gesellschaftlichen Konventionen verharrende Klasse der Oberschicht.
Die Ausstellung befindet sich im Keller- und Erdgeschoss. Im fünften Geschoss befindet sich die Wohnung des Malers Janis Rozentals und seiner Frau, der finnischen Sängerin Elli Forssell. Ihr Untermieter war der in Lettland bekannte Schriftsteller Rudolfs Blaumanis. Die Wohnung war Treffpunkt vieler bedeutender, lettischer Kulturschaffender. Interessant sind die Skizzenbücher Rozentals, die er bisweilen wie ein Tagebuch bei seinen Rundgängen durch die Stadt oder während seiner Ausflüge anfertigte.

Der alte Herr, den ich zuvor auf der Straße traf, muss also ein direkter Nachfahre der Familie Rozental gewesen sein. Schade, hätte ich früher wissen sollen.
Von hier aus lief ich durch die Gassen und Straßen, nun mit geschärftem Blick für die unterschiedlichen Architekturmerkmale von Jugendstil, Art Déco oder Perpendicular Art Déco. Anders als in Helsinki oder Tallinn finde ich in der gesamten Stadt, zwischen Neubauten und in engen Gassen interessante und schöne Häuser. Zwischendrin auch immer wieder Jugendstilelemente, selbst in den Holzhäusern. Besonders schöne Beispiele befinden sich auf der, der Stadt gegenüberliegenden Flussseite.

Schien die Stadt gestern im Regen leer und grau, so waren die Straßen heute voller Menschen. Der Juni scheint der Monat der Schul- und Uniabschlüsse zu sein. Männer im guten Anzug und Frauen in Festtagsrobe und großen Blumensträußen flanieren im Park und stehen mit Angehörigen und Lebenspartnern Model für ein Erinnerungsfoto, andere belegen mit der ganzen Festgesellschaft die Restaurants. An einem anderen Platz treten Schüler zusammen mit einer Bigband zu einem Konzert auf. Ich mische mich unter das Publikum und höre gebannt zu. Wie kann sich eine Stadt mit dem Wetter verändern!
Auf meinem Rückweg zu meinem FidiBus laufe ich über den Rathausplatz, vorbei am Schwarzhäupterhaus, einer der Hauptattraktionen Rigas. Erwähnung fand es erstmals 1334 als das „Neue Haus der großen Gilde“. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört und von 1993 an in sechs Jahren wieder in seinem Originalzustand neu errichtet. Der Namensgeber des Schwarzhäupterhauses war die Loge der Schwarzen Häupter. Die noch heute mit ihrem Sitz in Bremen besteht. Von hier aus zog ich weiter du den drei Brüdern, einem farbigen Häuserkomplex, nahe dem lettischen Regierungssitz. Vom vielen Herumlaufen bin ich müde und meine Füße schmerzen, doch ich bin noch nicht in der Laune, das städtische Treiben zu verlassen, da höre ich aus einem Lokal Musik, die meine müden Füße direkt in die, mit alten Motorrädern und anderem Trödel eingerichtete Bar lenkt.
Die Bedienung erweckt den Anschein, als hätte man sie zur Zwangsarbeit verpflichtet. Anstelle mich nach meinem Wunsch zu fragen, schaut sie mir schweigend ins Gesicht. Also entschließe ich mich, ihr meinen Wunsch ebenso schweigend mit einer angedeuteten Trinkgeste und dem Deuten auf den Zapfhahn zu vermitteln. Jetzt lächelt sie, zapft mein Bier und stellt es mir mit einem „Prosit“ auf die Theke. Geht doch! Nun erzählt sie mir, dass sie aus England käme, hier an der Musikhochschule Jazeps Vitols studiert und zwischendrin hier Geld verdient. Mehr ist allerdings nicht zu erfahren, bis zwei, dem Akzent nach schottische oder irische Männer, die Plätze neben mir belegen, was ihre Laune merklich hebt.
Halb neun trete ich dann endgültig den Rückweg an. Jetzt wird mir allerdings jeder Schritt zur Qual. Als ich mich eine dreiviertel Stunde später in meinen Sessel am Ufer der Daugava setze, möchte ich bis morgen nicht mehr aufstehen, wenn nicht in diesem Moment ein großer runder Vollmond mit seinem Marsch von der Burg der Altstadt, über die Vansu Brücke zu den neuen Hochhäusern ein faszinierendes Schauspiel lieferte.
Erst, als der Mond endlich hinter den Fassaden verschwindet, kann ich mich entschließen den Tag zu beenden.


Riga

16. Juni 2024

Mein heutiger Platz in Riege befindet sich jenseits des Flusses, auf der,der Stadt abgewandten Seite des Flusses Daugava (Düna). Schön ist der Platz nicht, dafür habe ich hier Duschen, eine Waschmaschine und ich kann von hier aus in fünfundvierzig Minuten in die Stadt laufen. Das Gelände gehört zum Yachtclub von Riga, mit einer Aussicht auf einerseits den Industriehafen und ein wenig in die andere Richtung auf die moderne Brücke und auf die Stadtsilhouette der Altstadt. Nicht gerade ein schöner Platz, aber auch nicht schlecht. Es ist früh genug, um zu waschen, sowohl mich als auch meine Wäsche. Tisch und Stuhl platziere auf einem schmalen Grasstreifen am Flussufer und werfe den Grill an und das Steak darauf.
Neben mir hat sich ein Brite mit einem hübschen umgebauten Schulbus eingerichtet. Es sieht darin aus wie in Omas guter Stube. Ein Küchenschrank, ein Sofa und zwei Sessel, ein Couchtisch und ein Orientteppich.

Auch der Eigentümer ist ein lustiger Geselle. Typisch britische rote Wangen, seine langen Haare sind zu einem Dutt gebunden, er trägt lange bunte Ohrringe, ein kurzes Röckchen mit Tigermuster und rosa Sportschuhe. Er verriet mir, dass er Eric hieße, eigentlich, wegen seiner deutschstämmigen Mutter Eugen, was aber kein Brite aussprechen könne oder wolle. Eric spricht ein sehr distinguiertes Upper Class Englisch. Während er viele lustige Ereignisse seiner, nun schon drei Jahre andauernden Reise, lachend zum Besten gibt, ist seine Frau eher unauffällig und strickt für den mitreisenden Ronny (eine undefinierbare Hunderasse) ein Jäckchen. Ob Ronny sich angesichts steigender Temperaturen darüber freuen wird, ist noch nicht ausgemacht.

Heute schlafe ich sicher gut und lange, denn es wird endlich eine dämmrige Nacht. Nur vier Stunden, aber eben doch die erste Ahnung dunkler Nächte.


18. Juni 2024

Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Der Himmel lässt ahnen, dass er heute noch so manche Überraschung im Petto hat. Meine Motivation eines Fußmarsches über die Brücke ist schnell gebrochen, als ich auf ein deutsches Paar treffe, die offensichtlich auf ein Taxi warten. Eine Nachfrage bestätigt meine Vermutung und ich schließe mich ihnen an. Sie haben über den Fahrdienst Bolt gebucht, etwas Ähnliches wie Uber, und ich sollte das Trinkgeld für den Fahrer übernehmen. Nach zwanzig Minuten steigen wir am Central Market aus. Ich verabschiede mich von den Beiden und marschiere in die Hallen. Kaum betrete ich die Halle, meldet sich meine „Verlier-App“ und zeigt mir den Verlust meines Portemonnaies an. Tatsächlich, in meiner Hosentasche ist es nicht, dafür befindet sich etwas anderes darin, nämlich eine über die ganze Länge aufgerissene Naht. Da ich das Trinkgeld aus dem Geldbeutel entnommen hatte, war klar, im Taxi hatte ich den Geldbeutel noch. Meine App gibt mir als letzten bekannten Standort den Punkt unseres Ausstiegs an. Ich laufe zurück und schaue, ob es auf der Straße liegt, aber nein, dort ist es nicht. Also hat er mich vielleicht schon im Taxi verlassen. Über Bolt versuche ich zu recherchieren, bleibe aber an einem gar nicht hilfreichen Chatbot hängen. Somit ist der Verlust eine besiegelte Tatsache. Papiere weg. Ausweis, Kreditkarten, Führerschein, Bargeld und Bankkarte wechseln nun gerade ihren Besitzer. Noch kann ich über Handy bezahlen, was ja auch schon etwas beruhigend ist, was mich aber dazu zwingt, die Kreditkarte nicht abzumelden, ober die der Bezahldienst abgewickelt wird. Ich mache Meldung bei der Polizei, um der Versicherung Genüge zu tun, die meinen Fall telefonisch aufnimmt. Die Polizei will meinen Standort wissen und dann verabschieden sie mich. Ich mache ich mich auf den Weg. Nach dem Schrecken brauche ich einen Kaffee. Ich trete aus der Markthalle, laufe ein paar Meter und biege dann in Richtung Stadt ab. In diesem Moment höre ich eine Stimme hinter mir: „Matthias Dinger?“ Ich gebe mich als der Gesuchte zu erkennen. Ein Polizeibus, darin ein Polizist und eine Polizistin. Als ich mich als der Gesuchte zu erkennen gebe, erklären sie mir auf Englisch, dass sie von der Wache benachrichtigt wurden und nun den Fall persönlich aufnehmen wollen. Wunder Nummer eins! Erst einmal erklären sie mir, dass ich um meine Kreditkarten nicht fürchten muss, in Lettland wage sich niemand eine fremde Kreditkarte einzusetzen, denn die Strafen dafür seien exorbitant hoch. Alles wäre auch gar nicht schlimm, wir seien ja in Europa, da brauche ich keine Papiere, wenn ich das nun aufzunehmende Protokoll vorweise. Wenn ich Geld brauche, so soll ich mir das bei der Botschaft besorgen und sonst meine Reise unbesorgt fortsetzen. Wie beruhigend! Ich suche ein Café und beruhige meine Nerven. Vielleicht haben die netten Polizeimenschen ja recht und ich soll es einfach als Schicksal verbuchen.

Mit Vergessen und Verlieren kenne ich mich ja aus, aber genau deswegen ärgert es mich doch mächtig, aber nicht lange. Ich gehe noch einmal zurück zur Markthalle und schaue in alle Mülleimer und Blumenkästen. Manchmal entnehmen ehrliche Finder ja nur das Geld und werfen den Rest fort. Auch diese letzte Hoffnung zerplatzt wie eine Seifenblase. Zwischenzeitlich schüttet es, was es kann. Bis auf die Haut durchnässt gehe ich in die Markthalle zurück. Ich muss mal! Am Eingang zur Toilette der Markthalle, dort gibt es mehrere davon, sehe ich die Beiden aus dem Taxi. Auch sie suchen einen stillen Ort. Wunder Nummer zwei!
Sie haben in ihrer Bolt-App die Daten des Fahrers und der lässt sich sogar über die App anrufen. Der Fahrer nimmt den Anruf an und er spricht Englisch. Wunder Nummer drei.
Als er die Rufnummer mit dem Auftrag zusammenbringt, sprudelt es aus ihm heraus, „I found Your documents“. Wunder Nummer vier.
Wir verabreden uns in einer Stunde auf dem Parkplatz der Markthalle und dann erfüllte sich mit Wunder Nummer Fünf eine unglaubliche Geschichte. Meine Verlier-App ist zufrieden und zeigt mir, dass ich alle wesentlichen Dinge bei mir trage. Autoschlüssel, Ersatzschlüssel und Portemonnaie. Nun macht mir auch der Regen nichts mehr aus und ich setze mein Sightseeing fort. Morgen soll das Wetter besser werden, dann schaue ich mir alles noch einmal an, ohne Stress und hoffentlich bei gutem Wetter.
Meinen Heimweg mache ich nun auf Schusters Rappen, was mir noch ein paar tolle Einblicke auf die Burg und die Türme der Stadt bietet. Zurück bei meinem FidiBus tun mir Füße und Beine schrecklich weh. Zwanzig Kilometer, davon die meisten über grobes Kopfsteinpflaster, forderten ihren Tribut. Morgen fahre ich Taxi. Toi Toi Toi!
(Dann gibt’s auch wieder Bilder)

Saaremaa

14.6.2024

Saaremaa

Nach dem Besuch im Sea-Plane-Museum verlasse ich Tallinn endgültig. Ich komme zügig voran doch habe ich nicht vor, heute schon auf die Insel überzusetzen. Es soll für heute reichen, wenn ich die einhundertdreißig Kilometer bis zum Fährhafen nach Virtsu schaffe. Da ich immer wieder von der Hauptstrecke abweiche, bin ich tatsächlich wieder erst am späten Abend am Ziel. Auf den kleinen, zumeist nur geschotterten Straßen durchfahre ich Ortschaften, die als solche kaum erkennbar sind. Zu weit liegen die Häuser auseinander. Die meist sehr großen Grundstücke sind in der Regel sehr gepflegt und immer steht ein Saunahäuschen im parkähnlichen Garten. Die Ortschaften besitzen keinen wirklichen Ortskern, keinen Treffpunkt zum geselligen Zusammensein. Ich vermute, die einzige Geselligkeit findet anlässlich großer Feste, wie dem Mittsommernachtsfest statt oder beim sonntäglichen Kirchgang in der nächsten Kirchengemeinde.

Mein Ziel, eine der vielen, tief ins Land hereinreichenden Meeresbuchten des Baltischen Meeres, habe ich mir für heute aus meiner App herausgesucht. Es ist tatsächlich ein ruhiger Ort, mit einem überdachten Unterschlupf, einer Feuerstelle und einem Vogel-Beobachtungsturm. Im Schilf liegen einige Ruderboote und es herrscht eine wohltuende Stille. Nur der Flügelschlag der Schwäne schallt hin und wieder über das Wasser, wenn die großen Vögel sich schwerfällig und mit langem Anlauf aus dem Wasser heben. Noch lange hört man dann ihr Stöhnen beim Aufstieg, bis sie ihre Flughöhe erreicht haben. Was muss es sie für eine Kraft kosten, den schweren Körper in die Lüfte zu erheben um tausende von Kilometern in ihr Winterquartier zu fliegen.
Am Abend kommen ein paar Fischer. Sie machen ihre Ruderboote klar und stellen fern vom Ufer ihre Standnetze auf. Sie lächeln mir freundlich zu, doch das war’s dann auch schon an überschwänglicher Begrüßung. Nun, zumindest stören sie sich nicht an meiner Anwesenheit.

15. Juni 2024

Um kurz nach zehn Uhr stehe ich am Fähranleger. Für die fünfundvierzig Minuten dauernde Überfahrt bezahle ich sechzehn Euro dreißig und dann bin ich auf der Insel Saaremaa. Genau genommen auf der Insel Muhu, die Saaremaa vorgelagert ist.

Wieder weiche ich von der Hauptroute ab und fahre etwa acht Kilometer über fürchterliches Katzenkopfpflaster, bis der Weg dann übergeht in einen Schotter und Sandweg. Ich schaue noch einmal nach dem Wetter, da mir bewusst ist, dass der Weg bei Regen eine einzige Schlammpiste sein wird. Unbefahrbar für meinen FidiBus. Doch das Wetter sieht heute stabil aus und so fahre ich weiter. Der Wald weicht bald einer Weidelandschaft. Links am Weg steht eine Windmühle. Wie die meisten Mühlen handelt es sich auch bei dieser um eine drehbare Bockwindmühle. Die Landschaft öffnet sich mehr und mehr und ich werde an die großen Flächen der Camargue erinnert. Es fehlen lediglich die Stiere oder die Wildpferde. Vor mir liegt das Meer. Einfach ein toller Platz. Kurz denke ich darüber nach, hier für den Tag und die Nacht zu bleiben, doch es ist zu früh, um schon wieder den Tag zu beenden. Wohin der sandige und teils sehr ausgewaschene Weg führt weiß ich nicht, doch vertraue darauf, dass jeder Weg einfach irgendwohin führt und fahre weiter auf äußerst schwierigen und tief ausgewaschenem Weg. Zweimal passiere ich Höfe. Der Weg ist links und rechts mit dichtem Gebüsch zugewachsen, und ich hoffe, dass FidiBus den Kontakt zu den Zweigen als ein Streicheln seiner roten Blechhaut empfindet und mir nicht sauer wird.
Doch dann endlich, nach mehr als eineinhalb Stunden, steht da ein Ortsschild, das den vier Gehöften einen Namen gibt. Hier stehen Autos, somit sollte eine befahrbare Straße nicht mehr allzu weit sein. Und wirklich, nach wenigen Kilometern habe ich festen Boden unter den Rädern.

Über einen langen Damm gelange ich auf die Hauptinsel Saaremaa. Nach einem Blick auf Google Maps entscheide ich wieder, meinen Weg auf kleinen Nebenstraßen fortzusetzen und so gelange ich zu dem Ort Pöide und schon von weitem erblicke ich eine Kirche, von der ich annehme, dass ein Besuch lohnend sei. So war es dann auch. Die Kirche der heiligen Maria geht auf das Jahr 1230 zurück. Ihr Erhaltungszustand ist erbärmlich, doch die Zeichen einer Restaurierung sind unverkennbar. Sie erzählt eine lange Geschichte der Besiedlung der Insel und ist einen Besuch sicher wert. Von hier aus fahre ich weiter, bis ich den Leuchtturm Sörve Tuletorn. Ein kleiner Spaziergang bis zum Kap, dem südlichsten Punkt Estlands, von dem man bereits das Nordufer Lettlands erkennen kann, bietet mir einen malerischen Blich über das Meer, ein paar Boote zum Leuchtturm. Unterhalb des Leuchtturmes verbringe ich die Nacht, die noch immer taghell ist.

16. Juni 2024

Auf meinem Rückweg zur Fähre mache ich Halt in Ahrensburg, einem modernen Ort mit schönem Hafen. Die Besichtigung der Burg lasse ich mir nicht entgehen, finde jedoch die Ausstellung in der Burg, deren verwinkelte und gewundenen Treppen allein schon für Verwirrung sorgen, ein wenig chaotisch. Die Fülle der Exponate ist einfach zu groß und es ist nur schwer eine irgendwie geartete Ordnung zu erkennen. In diesem Falle wäre weniger sicher mehr gewesen.
Von Ahrensburg fahre ich weiter zu den Klippen, Panga Cliff, auf der Nordseite der Insel. Ein Blick auf die Klippen ist für Besucher allerdings nicht möglich. Es gibt keinen Weg an ihrem Fuße und so bleibt nur, die Aussicht, die man von hier aus hat, zu genießen. Hier zeigt sich allerdings der Nutzen meiner Drohne. Ich schicke sie weit hinaus auf das Meer und nehme von dort aus ein paar beeindruckende Bilder der Steilküste auf. Ein Flug entlang der Klippen bringt mir deren Schönheit vor Augen.

Nächster Stopp ist der Mühlenberg von Angla, wo fünf Mühlen in einer Reihe stehen. Das Gelände ist eingezäunt und da es nach 18:00 Uhr ist, nicht mehr zugänglich. Dennoch bleibt die Möglichkeit, einen Blick von außen auf die Mühlen zu erlangen. Der letzte touristische Anlaufpunkt dieses Tages sind die Meteoritenkrater von Kaali. Der größte Krater hat einen Durchmesser von etwa fünfundzwanzig Metern. Kreisrund und mit Wasser gefüllt liegt er in einem Wald, umgeben von dem Ringwall des Einschlages. In seiner näheren Umgebung gibt es ein paar weitere, kleinere Krater, die durch das Auseinanderbrechen des Meteoriten bei seinem Eintritt in die Erdatmosphäre entstanden sind. Da es außer dem Krater keine lohnenswerten Dinge in Kaali zu sehen gibt, fahre ich weiter und suche mir einen Schlagplatz nahe der Fähre.

17. Juni 2024
Die Überfahrt nach Virtsu verlief reibungslos. Immer wieder gab es Schauer und auch einmal ein kräftiges Gewitter, dass ich in einem kleinen Restaurant bei einer Gemüsesuppe und einem Bier aussaß. Mein weiterer Weg führt mich auf Nebenstraßen entlang der Küste nach Riga. Für die Zeit in der Stadt suchte ich mir einen Stellplatz mit Dusche und Waschmaschine. Beides war wieder einmal nötig. Morgen mache ich mich dann auf den Weg in die Stadt, noch nicht ahnend, dass Riga beinahe das Ende meiner Reise gewesen wäre.
Doch davon und von vielem mehr in meinem nächsten Beitrag.

Der geschenkte Weihnachtsmann … und weitere Begebenheiten

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19. Mai 2024

Um es kurz zu machen, aus dem Minenbesuch wurde nichts. So fuhr ich also von Kittilä weiter in Richtung Rovaniemi. Zwar hätte ich auch weiterhin auf der Hauptroute bleiben können, aber ich bin nicht so weit gereist um das Land aus der Autobahnperspektive zu erfahren. Immer wieder weiche ich also auf geschotterte Nebenstrecken aus. Bestimmt wird die Landschaft weiterhin von flachen Ebenen, Birken und Fichten, zuweilen Kiefern, deren würziger Duft überall dort wo sie der Sonne ausgesetzt sind, in der Luft liegt, und natürlich Wasser ohne Ende. Mal in Form von Sümpfen dann Seen oder Bäche und kleine Flüsse, deren braune Wasser mal ruhig dahinzieht oder auch rauschend über die Felsen springt.
Durch die vielen Umwege brauche ich für die knapp einhundertundsechzig Kilometer beinahe sechs Stunden. Und dann bin ich im Vorstadtbereich von Romaniemi. Schon von Weitem werde ich an jeder Ecke auf das Weihnachtsmanndorf hingewiesen und die Bilder erinnern mich stark an Disneyland. Jetzt im Sommer Rentierschlittenfahrt auf Rädern, ein Weihnachtsmann als Grüßonkel und Souvenierbuden neben Zuckerwatte und Weihnachtsgedöns. Nee, das tue ich mir nicht an, auch wenn dort der Polarkreis durch ein Seil, in luftiger Höhe aufgehängt ist, den man dann natürlich auch an einigen Stellen überspringen kann, wovon dann sicherlich ein Selfie zeugen muss. Nein, das schenke ich mir. Heute ist der Tag, an dem ich einen Campingplatz aufsuchen möchte. Mein Leib schreit nach einer Dusche und meine Wäsche kann ebenfalls eine Reinigung vertragen. Der erste Platz, den ich anlaufe, ist geschlossen. Der zweite Platz allerdings gewährt mir Unterschlupf. Ich suche mir einen einfachen Platz auf der Zeltwiese direkt am Fluss Kämijokki.
Während meine Wäsche sich in der Trommel dreht, stelle ich mich unter die Dusche und genieße die reinigende Kraft des heißen Wassers. Die Zeit, bis meine Wäsche fertig ist, nutze ich für einen Besuch der Terrasse der platzeigenen Bar und einer alten Tradition folgend…

Am nächsten Tag schlafe ich lange aus, frühstücke ausgiebig und erweitere meinen Bus um die Fläche meines Heckklappenzeltes. Das ist bei der Sonne mehr als angebracht, um mir ein wenig Schatten zu verschaffen. Mit geöffneten Seitenwänden sitze ich zwar im Schatten, habe aber ansonsten um mich herum genug Luft.

Am Nachmittag werde ich die zwei Kilometer in die Stadt laufen, und schaue mich dort ein wenig um. Oje. Jetzt ist mir klar, weshalb der Weihnachtsmann dann doch lieber ins Weihnachtsdisneyland gezogen ist. Viereckige Häuserblocks, langweilige Straßen und eine Shopping-Mall, so attraktiv wie eine Tiefgarage. Aber die Wärme hat wenigstens ein paar Menschen dazu animiert, sich zwischen Bars und diversen Cafés aufzuteilen und ein Eis (eine Kugel 4,5 Euro) zu schlecken. Man, erst jetzt bemerke ich, wie ich mit gierigem Blick die Preistafel am Kiosk verschlinge. Doch nein, die Vernunft siegt.
Auf dem etwas längeren Rückweg schlage ich dann doch zu. Eine Kugel in der Waffel und da ich mangels finnischer Sprachkenntnisse auch die Sorten nicht identifizieren kann, deute ich auf eine grüne Sorte und hoffe, dass es weder Gras noch Pfefferminze ist. NEIN, es ist Pistazie, mein Lieblingsgeschmack. Um sechs bin ich zurück, und bevor es dann zu Bett geht, statte ich der Bar noch einen Besuch ab, einer alten Tradition folgend…

30. Mai 2024

Heute möchte ich weiter reisen, mein Ziel ist nicht weit. Ich werde das Landesinnere verlassen und wieder Berührung mit dem Meer bekommen. Die Fahrt ähnelt der letzten Tour. Bäume, Wasser, Sonne satt. Am Abend erreiche ich Kemi. Mein Herz macht einen Freudensprung. Es gibt eine Promenade und zahlreiche hübsche Bars und Restaurants in historischen Gebäuden. Für die Nacht richte ich mich auf der Pier des Yachthafens ein. Keine gute Idee, wie sich später zeigte.
In einem der verlockenden Strandcafés frönte ich meiner alten Tradition und entschloss mich dann dazu, mein Bett aufzusuchen. Leider hatte eine Gruppe jugendlicher die Pier in Beschlag genommen und trat in einen harten Wettbewerb um das lauteste Moped. Dies wurde später nur noch getoppt durch junge Männer in ihren tollkühnen Kisten. Laut heulen die Motoren der Boliden, ohne dass sie sich auch nur einen Millimeter von der Stelle bewegen. Junge sonnenbebrillte Männer mit cooler, seitlich gedrehter Schirmmütze machen aus ihrer Bewunderung für den kraftvollen Sound keinen Hehl, währen die Freundinnen über Gott und die Welt reden und sich um die Kraftpakete einen Scheißdreck kümmern.

Folgerichtig verlasse ich meinen Platz und finde in der Nähe eines Badestrandes, ebenfalls mit schöner Promenade einen neuen Platz für die Nacht. Mein Abendessen, Nudeln mit Tomatensauce und geröstetem Schinken, gratiniert mit feinstem Emmentaler aus den Höhlen des lokalen K-Marktes entstand mit einigen Laufeinlagen. Etwa fünfmal musste ich zwischen FidiBus und meiner Küche hin und her laufen, bis ich endlich alles beisammen hatte, bis auf das Feuerzeug, dass meinem einflammigem Gasherd zu einer Zündung verhelfen sollt, lag noch in FidiBus‘ wohl sortiertem Küchenfach. Ich laufe ein sechstes Mal.
Geschmeckt hat es nach der vielen Lauferei dennoch.
Ich trauere dem Blick auf der Pier nach, mache einen langen Spaziergang in die Stadt, zurück zu meiner Pier. Restaurants, Bars, Cafés, alles geschlossen und keine Mopeds weit und breit. So gegen 11 Uhr nachts fahre ich also wieder zurück.
Ruhe, absolute Ruhe und so sollte es dann auch die ganze Nacht bleiben.

31. Mai 2024
Bevor ich wieder aufbreche, möchte ich noch eine Stunde laufen. Erst entlang der Promenade, dann durch die Stadt. Nur in unmittelbarer Nähe zum Hafen kann man Kemi als schön bezeichnen oder wenigstens als belebt und mit historischen Relikten des früheren Handels. Im Supermarkt kaufe ich noch ein paar Dinge, Öl, Milch, Joghurt und dann breche ich gegen Mittag auf.

Am frühen Nachmittag bin ich am Bottnischen Meerbusen und finde eine kleine Fischerhütte, einst ein Ort für einen geräucherten Fisch, einen Kaffee oder ein Bier, nun jedoch zwar malerisch, aber geschlossen. Dennoch ist das ein genialer Ort, um meine Drohne aufsteigen zu lassen. Ich schicke sie weit hinaus über das Wasser, zu einer Inselgruppe. Es ist ein toller Blick. Für die einhundertzwanzig Kilometer bis nach Oulu benötige ich wegen der vielen Umwege wieder vier Stunden. Und dann bin ich in einer anderen Welt.

78° nördlicher Breite

Die Fahrt zum Flughafen verläuft ohne große Aufregung. Noch immer fällt ein leichter Nieselregen vom Himmel, die Wolken hängen dicht über dem Wasser, geben die Sicht nur auf den Fuß der Berge preis. Ein wenig muss ich suchen, bis ich den gebuchten Parkplatz gefunden habe. Eingepackt in alle meine warmen Kleider, die ich nicht mehr im Rucksack untergebracht habe, stapfe ich dich wie ein Bär zum Terminal, liefere mein Gepäck ab und versuche meinen Laptop mit dem Flughafennetz zu verbinden. Fehlanzeige! Wegen Umbauarbeiten gibt es zurzeit kein öffentliches Netz. Kurz vor zwölf beginnt das Boarding und dann sitze ich am Fenster der Boeing 737 und hoffe, dass sich die Seitenwand während des Fluges nicht verabschiedet.

Start in Tromsö
Start in Tromsö

Für kurze Zeit taucht unter mir noch einmal Tromsö auf. Neben der Brücke sehe ich die Eismeerkathedrale und dann tauchen wir ein in graue Wolken, die wir bereits nach wenigen Minuten wieder verlassen, über mir der blaue Himmel, unter mir das weiße Wolkenmeer.

Es ist seltsam, das erste Mal fühle ich mich unwohl. Es ist nicht der Flug, aber es ist das Gefühl an meinem Ziel ein Fremder zu sein. Woher das Gefühl kommt, kann ich mir nicht erklären. Liegt es daran, dass ich anscheinend der Einzige bin, der nicht einer Reisegruppe angehört, oder daran, dass mir ohne meinen FidiBus das Stück Zuhause fehlt, dass mir schon in Kanada ein Gefühl der Geborgenheit vermittelte. Oder war es die Befürchtung, dass sich unter Umständen von meinen Plänen nichts realisieren lässt. Schließlich hatte ich von dem lokalen Veranstalter auf meine Wünsche noch keine Antwort erhalten. Den Grund meines Unwohlseins werde ich wohl nicht mehr ergründen.

Der Flieger geht in den Sinkflug. Wir durchstoßen die obere Wolkendecke und nun sehe ich schroffe Berge, und von der Sonne angestrahlt, blendend weißen Schnee. Sonst nichts. Nichts deutet darauf hin, dass hier Menschen wohnen. In abenteuerlichen Kurven umfliegen wir die Berge und nähern uns dem Flughafen von Osten. Dann tauchen die Erzminen, der Hafen und der Flugplatz auf und ich bin da.

Anflug auf Longyearbyen
Anflug auf Longyearbyen

Der Shuttlebus bringt mich in die Stadt, meine Unterkunft ist nur wenige Schritte entfernt. Von Chris werde ich freundlich in Empfang genommen und er zeigt mir mein Zimmer. Die gesamte obere Etage ist als Gästeetage mit zwei Bädern, einem gemütlichen Aufenthaltsraum mit großer, nach Süden ausgerichteter Fensterfront, einer Küche und vier Gästezimmern. Alles hell und freundlich eingerichtet. Mit mir wohnen noch zwei polnische Frauen im Gästehaus. Julia besitzt einen deutschen Pass, da sie in Deutschland geboren wurde, aber nur in ihrem ersten Lebensjahr in Deutschland lebte. Heute wohnt und arbeitet sie in Norwegen. Ihre Freundin Kinga kommt aus Polen und spricht nur polnisch und ein wenig englisch. So läuft die ganze Konversation über Julia

Es trifft sich gut, dass Chris und das Team von Polar Bear ein Reiseunternehmen im gleichen Haus betreiben, und so habe ich schon bald eine Liste von Aktivitäten für die nächste Zeit in den Händen.

Mein eigentümliches Gefühl ist noch nicht verschwunden, aber es ist schwächer geworden. Wie immer gehe ich noch einmal in die nahe gelegene Bar. Vielleicht kann ich hier ein paar erste Kontakte knüpfen. Es gibt keine Theke, alle sitzen an Tischen. Geschlossene Gruppen der diversen Reiseveranstalter. Ich setze mich an einen Tisch zu einem Herren, der sich ausschließlich seinem Handy widmete, begleitet von Knurren und Lauten der Entrüstung. Gespräch? Fehlanzeige!

Nach einem Bier habe ich genug von diesem Tag. Ich ziehe mich zurück und werde die Bequemlichkeit eines soliden Bettes genießen.
Morgen geht es los, dann werde ich die Stadt erkunden.

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