Mit dem Fidibus auf Reisen

Kategorie: Norwegen

Riga, ganz entspannt

Heute scheint die Sonne und es verspricht ein warmer Tag zu werden. Genau richtig für einen weiteren Stadtrundgang. Die kaputte Hose habe ich in meine Kleiderkiste verbannt, die neue Hose ist auf Löcher und Fluchtwege untersucht und ich bestelle mir wieder ein Taxi. Die App zeigt mir einen Preis bis zum Jugendstil-Quartier, zwanzig Minuten Fahrzeit, von einem Euro und achtzig Cent und eine Wartezeit von 2 Minuten. Alle Angeben stimmten exakt. Direkt vor dem Jugendstil-Museum ließ ich mich in der Alberta Iela absetzen. Das Taxi entfernte sich und meine Verlier-App verhielt sich ruhig. Vorsichtshalber überprüfe ich selbst noch einmal alles. Autoschlüssel im Rucksack, Portemonnaie in der Tasche, Ersatzschlüssel am Bus. Prima. Dann also los. Die Alberta Iela ist wohl die bekannteste Straße des Jugendstilzentrums. Hier stehen die schönsten und am besten renovierten Häuser dicht an dicht. Allerdings auch nur auf einer Straßenseite. Die andere Seite ist ein wenig unspektakulärer, sieht man einmal von der Residenz der Botschaften Österreichs und Irlands ab, die ebenfalls in einem prachtvollen Gebäude untergebracht sind. An einem Postkartenständer stoße ich auf ein älteres Ehepaar, das sich mit einem Stapel von Postkarten eindeckt, die alle ein Motiv zeigen. Es ist das Haus, in dem sich auch das Jugendstil-Museum befindet. Wir kommen ins Gespräch und ich erfahre, dass seine Großeltern einst im fünften Stock des Hauses gewohnt hatten. Wäre ich bereits im Museum gewesen, hätte ich gewusst, mit wem ich es da zu tun habe.

Das Museum gibt einen guten Einblick in das Leben der besseren Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Ich betrete das Haus und stehe in einem gewendelten Treppenhaus. Der Blick nach oben nimmt mich gefangen und ich stelle mir vor, wie die Herren mit Gehstock, Frack und Zylinder, die Damen in Rüschenbluse und langem Rock, auf dem Kopf ein Federhütchen die Stiegen hinaufschreiten. Mir das vorzustellen ist nicht schwer, denn das Personal des Museums ist im Stil des zwanzigsten Jahrhunderts gekleidet.
Es muss eine sehr widersprüchliche Zeit gewesen sein. Auf der einen Seite der Aufbruch in eine neue Zeit, mit modernen Tänzen und Chansons und bis ins frivole, frech provokante Gesellschaftsleben, andererseits, die streng hierarchisch und in gesellschaftlichen Konventionen verharrende Klasse der Oberschicht.
Die Ausstellung befindet sich im Keller- und Erdgeschoss. Im fünften Geschoss befindet sich die Wohnung des Malers Janis Rozentals und seiner Frau, der finnischen Sängerin Elli Forssell. Ihr Untermieter war der in Lettland bekannte Schriftsteller Rudolfs Blaumanis. Die Wohnung war Treffpunkt vieler bedeutender, lettischer Kulturschaffender. Interessant sind die Skizzenbücher Rozentals, die er bisweilen wie ein Tagebuch bei seinen Rundgängen durch die Stadt oder während seiner Ausflüge anfertigte.

Der alte Herr, den ich zuvor auf der Straße traf, muss also ein direkter Nachfahre der Familie Rozental gewesen sein. Schade, hätte ich früher wissen sollen.
Von hier aus lief ich durch die Gassen und Straßen, nun mit geschärftem Blick für die unterschiedlichen Architekturmerkmale von Jugendstil, Art Déco oder Perpendicular Art Déco. Anders als in Helsinki oder Tallinn finde ich in der gesamten Stadt, zwischen Neubauten und in engen Gassen interessante und schöne Häuser. Zwischendrin auch immer wieder Jugendstilelemente, selbst in den Holzhäusern. Besonders schöne Beispiele befinden sich auf der, der Stadt gegenüberliegenden Flussseite.

Schien die Stadt gestern im Regen leer und grau, so waren die Straßen heute voller Menschen. Der Juni scheint der Monat der Schul- und Uniabschlüsse zu sein. Männer im guten Anzug und Frauen in Festtagsrobe und großen Blumensträußen flanieren im Park und stehen mit Angehörigen und Lebenspartnern Model für ein Erinnerungsfoto, andere belegen mit der ganzen Festgesellschaft die Restaurants. An einem anderen Platz treten Schüler zusammen mit einer Bigband zu einem Konzert auf. Ich mische mich unter das Publikum und höre gebannt zu. Wie kann sich eine Stadt mit dem Wetter verändern!
Auf meinem Rückweg zu meinem FidiBus laufe ich über den Rathausplatz, vorbei am Schwarzhäupterhaus, einer der Hauptattraktionen Rigas. Erwähnung fand es erstmals 1334 als das „Neue Haus der großen Gilde“. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört und von 1993 an in sechs Jahren wieder in seinem Originalzustand neu errichtet. Der Namensgeber des Schwarzhäupterhauses war die Loge der Schwarzen Häupter. Die noch heute mit ihrem Sitz in Bremen besteht. Von hier aus zog ich weiter du den drei Brüdern, einem farbigen Häuserkomplex, nahe dem lettischen Regierungssitz. Vom vielen Herumlaufen bin ich müde und meine Füße schmerzen, doch ich bin noch nicht in der Laune, das städtische Treiben zu verlassen, da höre ich aus einem Lokal Musik, die meine müden Füße direkt in die, mit alten Motorrädern und anderem Trödel eingerichtete Bar lenkt.
Die Bedienung erweckt den Anschein, als hätte man sie zur Zwangsarbeit verpflichtet. Anstelle mich nach meinem Wunsch zu fragen, schaut sie mir schweigend ins Gesicht. Also entschließe ich mich, ihr meinen Wunsch ebenso schweigend mit einer angedeuteten Trinkgeste und dem Deuten auf den Zapfhahn zu vermitteln. Jetzt lächelt sie, zapft mein Bier und stellt es mir mit einem „Prosit“ auf die Theke. Geht doch! Nun erzählt sie mir, dass sie aus England käme, hier an der Musikhochschule Jazeps Vitols studiert und zwischendrin hier Geld verdient. Mehr ist allerdings nicht zu erfahren, bis zwei, dem Akzent nach schottische oder irische Männer, die Plätze neben mir belegen, was ihre Laune merklich hebt.
Halb neun trete ich dann endgültig den Rückweg an. Jetzt wird mir allerdings jeder Schritt zur Qual. Als ich mich eine dreiviertel Stunde später in meinen Sessel am Ufer der Daugava setze, möchte ich bis morgen nicht mehr aufstehen, wenn nicht in diesem Moment ein großer runder Vollmond mit seinem Marsch von der Burg der Altstadt, über die Vansu Brücke zu den neuen Hochhäusern ein faszinierendes Schauspiel lieferte.
Erst, als der Mond endlich hinter den Fassaden verschwindet, kann ich mich entschließen den Tag zu beenden.


Der geschenkte Weihnachtsmann … und weitere Begebenheiten

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19. Mai 2024

Um es kurz zu machen, aus dem Minenbesuch wurde nichts. So fuhr ich also von Kittilä weiter in Richtung Rovaniemi. Zwar hätte ich auch weiterhin auf der Hauptroute bleiben können, aber ich bin nicht so weit gereist um das Land aus der Autobahnperspektive zu erfahren. Immer wieder weiche ich also auf geschotterte Nebenstrecken aus. Bestimmt wird die Landschaft weiterhin von flachen Ebenen, Birken und Fichten, zuweilen Kiefern, deren würziger Duft überall dort wo sie der Sonne ausgesetzt sind, in der Luft liegt, und natürlich Wasser ohne Ende. Mal in Form von Sümpfen dann Seen oder Bäche und kleine Flüsse, deren braune Wasser mal ruhig dahinzieht oder auch rauschend über die Felsen springt.
Durch die vielen Umwege brauche ich für die knapp einhundertundsechzig Kilometer beinahe sechs Stunden. Und dann bin ich im Vorstadtbereich von Romaniemi. Schon von Weitem werde ich an jeder Ecke auf das Weihnachtsmanndorf hingewiesen und die Bilder erinnern mich stark an Disneyland. Jetzt im Sommer Rentierschlittenfahrt auf Rädern, ein Weihnachtsmann als Grüßonkel und Souvenierbuden neben Zuckerwatte und Weihnachtsgedöns. Nee, das tue ich mir nicht an, auch wenn dort der Polarkreis durch ein Seil, in luftiger Höhe aufgehängt ist, den man dann natürlich auch an einigen Stellen überspringen kann, wovon dann sicherlich ein Selfie zeugen muss. Nein, das schenke ich mir. Heute ist der Tag, an dem ich einen Campingplatz aufsuchen möchte. Mein Leib schreit nach einer Dusche und meine Wäsche kann ebenfalls eine Reinigung vertragen. Der erste Platz, den ich anlaufe, ist geschlossen. Der zweite Platz allerdings gewährt mir Unterschlupf. Ich suche mir einen einfachen Platz auf der Zeltwiese direkt am Fluss Kämijokki.
Während meine Wäsche sich in der Trommel dreht, stelle ich mich unter die Dusche und genieße die reinigende Kraft des heißen Wassers. Die Zeit, bis meine Wäsche fertig ist, nutze ich für einen Besuch der Terrasse der platzeigenen Bar und einer alten Tradition folgend…

Am nächsten Tag schlafe ich lange aus, frühstücke ausgiebig und erweitere meinen Bus um die Fläche meines Heckklappenzeltes. Das ist bei der Sonne mehr als angebracht, um mir ein wenig Schatten zu verschaffen. Mit geöffneten Seitenwänden sitze ich zwar im Schatten, habe aber ansonsten um mich herum genug Luft.

Am Nachmittag werde ich die zwei Kilometer in die Stadt laufen, und schaue mich dort ein wenig um. Oje. Jetzt ist mir klar, weshalb der Weihnachtsmann dann doch lieber ins Weihnachtsdisneyland gezogen ist. Viereckige Häuserblocks, langweilige Straßen und eine Shopping-Mall, so attraktiv wie eine Tiefgarage. Aber die Wärme hat wenigstens ein paar Menschen dazu animiert, sich zwischen Bars und diversen Cafés aufzuteilen und ein Eis (eine Kugel 4,5 Euro) zu schlecken. Man, erst jetzt bemerke ich, wie ich mit gierigem Blick die Preistafel am Kiosk verschlinge. Doch nein, die Vernunft siegt.
Auf dem etwas längeren Rückweg schlage ich dann doch zu. Eine Kugel in der Waffel und da ich mangels finnischer Sprachkenntnisse auch die Sorten nicht identifizieren kann, deute ich auf eine grüne Sorte und hoffe, dass es weder Gras noch Pfefferminze ist. NEIN, es ist Pistazie, mein Lieblingsgeschmack. Um sechs bin ich zurück, und bevor es dann zu Bett geht, statte ich der Bar noch einen Besuch ab, einer alten Tradition folgend…

30. Mai 2024

Heute möchte ich weiter reisen, mein Ziel ist nicht weit. Ich werde das Landesinnere verlassen und wieder Berührung mit dem Meer bekommen. Die Fahrt ähnelt der letzten Tour. Bäume, Wasser, Sonne satt. Am Abend erreiche ich Kemi. Mein Herz macht einen Freudensprung. Es gibt eine Promenade und zahlreiche hübsche Bars und Restaurants in historischen Gebäuden. Für die Nacht richte ich mich auf der Pier des Yachthafens ein. Keine gute Idee, wie sich später zeigte.
In einem der verlockenden Strandcafés frönte ich meiner alten Tradition und entschloss mich dann dazu, mein Bett aufzusuchen. Leider hatte eine Gruppe jugendlicher die Pier in Beschlag genommen und trat in einen harten Wettbewerb um das lauteste Moped. Dies wurde später nur noch getoppt durch junge Männer in ihren tollkühnen Kisten. Laut heulen die Motoren der Boliden, ohne dass sie sich auch nur einen Millimeter von der Stelle bewegen. Junge sonnenbebrillte Männer mit cooler, seitlich gedrehter Schirmmütze machen aus ihrer Bewunderung für den kraftvollen Sound keinen Hehl, währen die Freundinnen über Gott und die Welt reden und sich um die Kraftpakete einen Scheißdreck kümmern.

Folgerichtig verlasse ich meinen Platz und finde in der Nähe eines Badestrandes, ebenfalls mit schöner Promenade einen neuen Platz für die Nacht. Mein Abendessen, Nudeln mit Tomatensauce und geröstetem Schinken, gratiniert mit feinstem Emmentaler aus den Höhlen des lokalen K-Marktes entstand mit einigen Laufeinlagen. Etwa fünfmal musste ich zwischen FidiBus und meiner Küche hin und her laufen, bis ich endlich alles beisammen hatte, bis auf das Feuerzeug, dass meinem einflammigem Gasherd zu einer Zündung verhelfen sollt, lag noch in FidiBus‘ wohl sortiertem Küchenfach. Ich laufe ein sechstes Mal.
Geschmeckt hat es nach der vielen Lauferei dennoch.
Ich trauere dem Blick auf der Pier nach, mache einen langen Spaziergang in die Stadt, zurück zu meiner Pier. Restaurants, Bars, Cafés, alles geschlossen und keine Mopeds weit und breit. So gegen 11 Uhr nachts fahre ich also wieder zurück.
Ruhe, absolute Ruhe und so sollte es dann auch die ganze Nacht bleiben.

31. Mai 2024
Bevor ich wieder aufbreche, möchte ich noch eine Stunde laufen. Erst entlang der Promenade, dann durch die Stadt. Nur in unmittelbarer Nähe zum Hafen kann man Kemi als schön bezeichnen oder wenigstens als belebt und mit historischen Relikten des früheren Handels. Im Supermarkt kaufe ich noch ein paar Dinge, Öl, Milch, Joghurt und dann breche ich gegen Mittag auf.

Am frühen Nachmittag bin ich am Bottnischen Meerbusen und finde eine kleine Fischerhütte, einst ein Ort für einen geräucherten Fisch, einen Kaffee oder ein Bier, nun jedoch zwar malerisch, aber geschlossen. Dennoch ist das ein genialer Ort, um meine Drohne aufsteigen zu lassen. Ich schicke sie weit hinaus über das Wasser, zu einer Inselgruppe. Es ist ein toller Blick. Für die einhundertzwanzig Kilometer bis nach Oulu benötige ich wegen der vielen Umwege wieder vier Stunden. Und dann bin ich in einer anderen Welt.

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