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19. Mai 2024
Um es kurz zu machen, aus dem Minenbesuch wurde nichts. So fuhr ich also von Kittilä weiter in Richtung Rovaniemi. Zwar hätte ich auch weiterhin auf der Hauptroute bleiben können, aber ich bin nicht so weit gereist um das Land aus der Autobahnperspektive zu erfahren. Immer wieder weiche ich also auf geschotterte Nebenstrecken aus. Bestimmt wird die Landschaft weiterhin von flachen Ebenen, Birken und Fichten, zuweilen Kiefern, deren würziger Duft überall dort wo sie der Sonne ausgesetzt sind, in der Luft liegt, und natürlich Wasser ohne Ende. Mal in Form von Sümpfen dann Seen oder Bäche und kleine Flüsse, deren braune Wasser mal ruhig dahinzieht oder auch rauschend über die Felsen springt.
Durch die vielen Umwege brauche ich für die knapp einhundertundsechzig Kilometer beinahe sechs Stunden. Und dann bin ich im Vorstadtbereich von Romaniemi. Schon von Weitem werde ich an jeder Ecke auf das Weihnachtsmanndorf hingewiesen und die Bilder erinnern mich stark an Disneyland. Jetzt im Sommer Rentierschlittenfahrt auf Rädern, ein Weihnachtsmann als Grüßonkel und Souvenierbuden neben Zuckerwatte und Weihnachtsgedöns. Nee, das tue ich mir nicht an, auch wenn dort der Polarkreis durch ein Seil, in luftiger Höhe aufgehängt ist, den man dann natürlich auch an einigen Stellen überspringen kann, wovon dann sicherlich ein Selfie zeugen muss. Nein, das schenke ich mir. Heute ist der Tag, an dem ich einen Campingplatz aufsuchen möchte. Mein Leib schreit nach einer Dusche und meine Wäsche kann ebenfalls eine Reinigung vertragen. Der erste Platz, den ich anlaufe, ist geschlossen. Der zweite Platz allerdings gewährt mir Unterschlupf. Ich suche mir einen einfachen Platz auf der Zeltwiese direkt am Fluss Kämijokki.
Während meine Wäsche sich in der Trommel dreht, stelle ich mich unter die Dusche und genieße die reinigende Kraft des heißen Wassers. Die Zeit, bis meine Wäsche fertig ist, nutze ich für einen Besuch der Terrasse der platzeigenen Bar und einer alten Tradition folgend…
Am nächsten Tag schlafe ich lange aus, frühstücke ausgiebig und erweitere meinen Bus um die Fläche meines Heckklappenzeltes. Das ist bei der Sonne mehr als angebracht, um mir ein wenig Schatten zu verschaffen. Mit geöffneten Seitenwänden sitze ich zwar im Schatten, habe aber ansonsten um mich herum genug Luft.
Am Nachmittag werde ich die zwei Kilometer in die Stadt laufen, und schaue mich dort ein wenig um. Oje. Jetzt ist mir klar, weshalb der Weihnachtsmann dann doch lieber ins Weihnachtsdisneyland gezogen ist. Viereckige Häuserblocks, langweilige Straßen und eine Shopping-Mall, so attraktiv wie eine Tiefgarage. Aber die Wärme hat wenigstens ein paar Menschen dazu animiert, sich zwischen Bars und diversen Cafés aufzuteilen und ein Eis (eine Kugel 4,5 Euro) zu schlecken. Man, erst jetzt bemerke ich, wie ich mit gierigem Blick die Preistafel am Kiosk verschlinge. Doch nein, die Vernunft siegt.
Auf dem etwas längeren Rückweg schlage ich dann doch zu. Eine Kugel in der Waffel und da ich mangels finnischer Sprachkenntnisse auch die Sorten nicht identifizieren kann, deute ich auf eine grüne Sorte und hoffe, dass es weder Gras noch Pfefferminze ist. NEIN, es ist Pistazie, mein Lieblingsgeschmack. Um sechs bin ich zurück, und bevor es dann zu Bett geht, statte ich der Bar noch einen Besuch ab, einer alten Tradition folgend…




30. Mai 2024
Heute möchte ich weiter reisen, mein Ziel ist nicht weit. Ich werde das Landesinnere verlassen und wieder Berührung mit dem Meer bekommen. Die Fahrt ähnelt der letzten Tour. Bäume, Wasser, Sonne satt. Am Abend erreiche ich Kemi. Mein Herz macht einen Freudensprung. Es gibt eine Promenade und zahlreiche hübsche Bars und Restaurants in historischen Gebäuden. Für die Nacht richte ich mich auf der Pier des Yachthafens ein. Keine gute Idee, wie sich später zeigte.
In einem der verlockenden Strandcafés frönte ich meiner alten Tradition und entschloss mich dann dazu, mein Bett aufzusuchen. Leider hatte eine Gruppe jugendlicher die Pier in Beschlag genommen und trat in einen harten Wettbewerb um das lauteste Moped. Dies wurde später nur noch getoppt durch junge Männer in ihren tollkühnen Kisten. Laut heulen die Motoren der Boliden, ohne dass sie sich auch nur einen Millimeter von der Stelle bewegen. Junge sonnenbebrillte Männer mit cooler, seitlich gedrehter Schirmmütze machen aus ihrer Bewunderung für den kraftvollen Sound keinen Hehl, währen die Freundinnen über Gott und die Welt reden und sich um die Kraftpakete einen Scheißdreck kümmern.
Folgerichtig verlasse ich meinen Platz und finde in der Nähe eines Badestrandes, ebenfalls mit schöner Promenade einen neuen Platz für die Nacht. Mein Abendessen, Nudeln mit Tomatensauce und geröstetem Schinken, gratiniert mit feinstem Emmentaler aus den Höhlen des lokalen K-Marktes entstand mit einigen Laufeinlagen. Etwa fünfmal musste ich zwischen FidiBus und meiner Küche hin und her laufen, bis ich endlich alles beisammen hatte, bis auf das Feuerzeug, dass meinem einflammigem Gasherd zu einer Zündung verhelfen sollt, lag noch in FidiBus‘ wohl sortiertem Küchenfach. Ich laufe ein sechstes Mal.
Geschmeckt hat es nach der vielen Lauferei dennoch.
Ich trauere dem Blick auf der Pier nach, mache einen langen Spaziergang in die Stadt, zurück zu meiner Pier. Restaurants, Bars, Cafés, alles geschlossen und keine Mopeds weit und breit. So gegen 11 Uhr nachts fahre ich also wieder zurück.
Ruhe, absolute Ruhe und so sollte es dann auch die ganze Nacht bleiben.




31. Mai 2024
Bevor ich wieder aufbreche, möchte ich noch eine Stunde laufen. Erst entlang der Promenade, dann durch die Stadt. Nur in unmittelbarer Nähe zum Hafen kann man Kemi als schön bezeichnen oder wenigstens als belebt und mit historischen Relikten des früheren Handels. Im Supermarkt kaufe ich noch ein paar Dinge, Öl, Milch, Joghurt und dann breche ich gegen Mittag auf.
Am frühen Nachmittag bin ich am Bottnischen Meerbusen und finde eine kleine Fischerhütte, einst ein Ort für einen geräucherten Fisch, einen Kaffee oder ein Bier, nun jedoch zwar malerisch, aber geschlossen. Dennoch ist das ein genialer Ort, um meine Drohne aufsteigen zu lassen. Ich schicke sie weit hinaus über das Wasser, zu einer Inselgruppe. Es ist ein toller Blick. Für die einhundertzwanzig Kilometer bis nach Oulu benötige ich wegen der vielen Umwege wieder vier Stunden. Und dann bin ich in einer anderen Welt.






