Mit dem Fidibus auf Reisen

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Fahrt in ein besonderes Abenteuer

22.Mai 2024

Heute möchte ich nach einem Stadtrundgang durch Tromsö und der Besichtigung der Eiskathedrale weiter Richtung Norden fahren. Es gibt mehrere Möglichkeiten, um nach Finnland zu gelangen und ich gedenke zunächst über Alta einzureisen, um dann irgendwie an den Inarisee zu gelangen. Doch zunächst möchte ich mich vergewissern, dass mein Auspuff keinen größeren Schaden genommen hat. Der Boden ist trocken und mit Regen muss ich nicht rechnen. Ich fahre den FidBus auf meine Keile, um ein wenig Höhe zu gewinnen und dann betrachte ich mir das Ganze von unten. Wie vermutet, kamen die rappelnden Geräusche daher, dass ich mir wegen des starken Regens bei der letzten Instandsetzung nicht die Mühe machte, den Auspuff in die enge Gummi-Halterung zu drücken. Das hole ich heute nach. Mit viel Vaseline, die ich zusammen mit Watte zur Genüge als Feuerstarter dabei habe, flutscht der Auspuff geradezu in die Aufhängung. Tatsächlich, nun ist Ruhe im Bus. Ich starte meinen Stadtrundgang und muss feststellen, dass die ganzen schönen Straßen gerade einer gründlichen Sanierung unterzogen werden. Aufgerissene Gehsteige, hinter Bauzäunen verborgene Häuser und der Lärm der Bagger und Rüttelmaschinen macht einen Besuch derzeit problematisch. Am Yachthafen finde ich endlich was ich suche. Hübsche Arrangements der alten Kontore, und viele bunte Boote. In den alten Hafengebäuden befinden sich fast ausschließlich Cafés und Gastronomie der gehobenen Preisklasse. Lediglich zwei Gebäude weisen noch eine Nutzung auf, die der Seefahrt gewidmet ist. Es ist das Gebäude der SAR Seenotrettung sowie das Polarmuseum, dass heute leider geschlossen ist. Es ist eben noch keine Saison. Es ist mit sieben Grad für diesen Breitengrad recht warm und das treibt die Menschen in die Cafés. Mit T-Shirt, kurzen Hosen und leicht bekleidet laufen hauptsächlich die jungen Menschen durch die Stadt. Man merkt sofort, dass man in einer Universitätsstadt ist. Auch ich entscheide mich noch einen Kaffee zu trinken und beobachte das Treiben auf der Straße. Doch dann wird es Zeit zum Aufbruch und ich laufe zu meinem FidiBus. Auf treuer Geselle! Reise Reise!

Einen Zwischenstopp lege ich an der Eiskathedrale ein. Sie ist, wie sollte es anders sein, Mittwochs geschlossen. Aber dann sehe ich Kinder in der Kirche und irgendwie müssen die ja auch reingekommen sein. Bei einem Rundgang um die Kirche finde ich einen offenen Eingang im Kellerbereich und ich probiere es einfach einmal. Siehe da, ich finde die Treppe in den Kirchenraum. Sehr hell und ohne großen Pomp wirkt die Kirche doch erhaben. Wie zusammengeschobene Eisschollen verschiedener Höhe sind die einzelnen Elemente ineinander verschachtelt. Über dem Chor ein prächtig leuchtendes modernes Fenster. Um den Altar herum toben Kinder. Ich schieße ein Foto vom Fenster und schon mache ich Bekanntschaft mit einer sehr energischen Dame, offensichtlich die Pastorin, die mich auffordert, sofort das Foto zu löschen. Wissend, dass es in ganz Norwegen verboten ist, Kinder auf Spielplätzen, in Schulen oder in Kindergärten, sowie in allen öffentlichen Einrichtungen zu fotografiere, habe ich glücklicherweise darauf geachte. Ich zeige ihr, dass es auf meinem Foto tatsächlich nur das Fenster zu sehen gibt, aber da hat sie schon einen weiteren Grund, mich zu tadeln. „Wie kommen Sie hier herein?“ Meine Erklärung, bringt sie nur noch mehr auf und unmissverständlich bekomme ich die Aufforderung die Kirche umgehend zu verlassen. Christlichkeit ist nicht immer barmherzig.
Ich reise also meinem heutigen Ziel entgegen. Es wird richtig warm, und zeitweise fahre ich mit geöffnetem Fenster. In weiten Bögen fahre ich am Ufer der Fjorde entlang, die verschneiten Berge immer im Blick. Hier gibt es auch die langen Gestelle, in denen der Fisch zu dem angeblich sehr schmackhaften Törget Fisk, zum Trocknen aufgehängt wird. Noch befinden sich die Wasserfälle hinter einer dicken Schicht aus Eis und Schnee, doch die Bäche an ihrem Fuße entwickeln sich zu reißenden Flüssen. Hier erlebe ich tatsächlich den Beginn des Frühlings. Überall treibt das zarte Grün aus den Bäumen und Sträuchern und hier und da zeigen sich die ersten Blumen auf den noch braunen und von Schnee plattgedrückten Wiesen. Die Sonne verliert an Höhe und sogleich wird es deutlich kühler. Mir reicht es für heute und als ich eine ungenutzte, in den Fjord hinein gebaute Hafenanlage sehe, stelle ich mich auf die Mole und beende meinen Tag.

Am nächsten Morgen wache ich wie gerädert auf. Ein böser Juckreiz hat mich die ganze Nacht auf Trab gehalten. Kleine rote Pusteln steigen vom Bündchen der Strümpfe das Schienenbein hinauf bis in die Wade. Das Einzige was ich dabei hatte war dank meiner Eitelkeit eine Körperlotion, die sich aber als absolut unwirksam erwies. Im Internet finde ich, dass eine der Hauptursachen für juckende Beine zu enge Strümpfe, eine Allergien oder eine Psoriasis seien. Lieber Gott, lass es nicht letzteres sein. In jedem Fall sei dafür zu sorgen, das die Haut nicht austrockne. Da kommt mir doch mein Feuerstarter in den Sinn. Was als Feuerstarter und Schmiermittel funktioniert, sollte doch auch die Feuchtigkeit in meinen Beinen halten können. Also schmiere ich und das nicht zu nicht zu knapp und verspüre nun eine gewisse Linderung. Für die nächsten Tage sind Socken oder Strümpfe tabu. Sind die Strümpfe noch so fein, für meine Beine sind sie Pein. Luft und weiße Vaseline soll’n für Fuß und Beines Schiene meine treuen Helfer sein.
Für ein Paar Stunden gibt mir das ein wenig Ruhe und mit der wenigen Ruhe starte ich in den nächsten Tag. Verschneite Berge, vereiste Wasserfälle und Fjord um Fjord umrunde ich. Am Abend dann erreiche ich Alta. Die Felsritzungen aus der Jungsteinzeit im Alta Museum sind sehenswert. Sie zeigen ornamentale Ritzungen aber auch Bilder von Jagdszenen und Tieren. Das Museum wurde mit diesem Artefakten in das Weltkulturerbe aufgenommen. Da ich bereits zwei mal in dem Museum war, schenke ich mir ein drittes Mal. Ich bin nach der letzten Nacht müde und suche mir im Hafen von Alta einen geeigneten Platz, esse zu Abend schmiere mich mit der einigermaßen ekligen Vaseline ein und lege mich schlafen. Es schien alles gut und ohne Probleme döste ich weg. Zwei Stunden später: Jucken! Schmieren! Es ist kurz nach zwölf. Kurz nach zwei: Jucken! Schmieren! Kurz nach vier: Jucken! Schmieren! Dann endlich schlief ich bis kurz nach sieben. Erholsam geht anders. Nach dem Frühstück entscheide ich mich dann doch weiter in den Norden zu reisen und noch einmal, zum dritten Mal, das Nordkap zu besuchen. Es ging mir nicht um das Kap, dass völlig auf Kommerz ausgerichtet ist. Verwunderlich ist, dass sie für einen Stellplatz auf dem Plateau noch immer keine Gebühr verlangen. Was mich anzieht sind die natürlichen Äolsharfen, tiefe Rinnen und Röhren im Gestein, die, wenn sie vom Wind angeblasen werden, wie Orgelpfeifen brummen und summen. Mal ganz hoch, aber auch ganz tief, als blase man über einen Flaschenhals.
Noch einmal geht es nun zurück in den immer tieferen Winter. Bis auf vierhundert Meter steigt das flache Gebirge. Eine verschneite und vereiste Tundralandschaft liegt vor und unter mir und sie scheint unendlich zu sein. Nur vereinzelt stehen ein paar Birken herum, zumeist tot, abgebrochen und verkrüppelt. Es ist noch einmal ein faszinierender Anblick. Am Mittag erreiche ich die Halbinsel Mageröj auf der das Nordkap liegt. Es wird windig und es regnet und schneit abwechselnd. Das Meer ist aufgewühlt lange Gischtfahnen wehen über das Wasser und manchmal lösen sie sich und rasen als Gischtwolken über das Meer. Mein FidiBus wird hin und her gerüttelt und ich muss langsam fahren. In Honningsvog mach ich eine letzte Pause in einer warmen Bar, bevor ich die letzten etwa dreißig Kilometer in Angriff nehme. Kurz hinter Honningsvog geht es noch einmal hinauf in die Berge und über einen Pass. Ein Schild weist auf Schneekettenpflicht hin und wenige Kilometer später war es dann vorbei. „Wegen starken Windes geschlossen“. Ein völlig verschneiter Schneepflug kam mir entgegen und er machte mir klar, dass es weder heute noch morgen eine Möglichkeit gäbe, das Kap zu erreichen. Verschneite Fahrbahn und zwischenzeitlich zum Orkan angewachsener Sturm erlauben nur niedrigen, allrad getriebenen PKWoder Trucks ein Durchkommen. Für mich oder Wohnmobile ist hier Schluss! Also machte ich mir einen Tee und entschließe mich zu Umkehr. Zwei deutsche Wohnmobile stoppten an dem Sperrschild und ich berichtete ihnen von der Warnung des Schneepflugfahrers. Sie kennen sich aus und hätten solche Situationen am Kap schon einmal erlebt. Da sei viel Schau dabei. Ich zeige hinab auf’s tosende Wasser. „Sieht mir nicht nach Schau aus“.


Ich fahre zurück! Fahre dieses mal an Honningsvag vorbei und hoffe irgendwo einen geeigneten Platz für die Nacht zu finden. Doch dann ist endgültig Schluss. Vor mir liegt ein LKW, beziehungsweise ein umgestürzter Anhänger, der so unglücklich die Böschung hinabgestürzt war, dass er das Heck der Zugmaschiene etwa einen halben Meter in die Höhe gerissen hat. Auf den Vorderrädern steht der Laster quer über der Straße und an ein Vorbeikommen ist nicht zu denken.

Ich frage, wie es weiter geht. Im günstigsten Fall kann eine Bergung erst in circa fünf Stunden erfolgen. Okay, ich sehe es gelassen. Hinter mir kommen nun noch weitere Autos. Ich steige aus und gehe die Autoreihe entlang und biete an, heißen Kaffee oder Tee zu verteilen. Sie sollen einfach mit einer Tasse zu meinem FidiBus kommen. Zurück in meinem Zuhause, hole ich Kocher und Kessel aus dem Schrank und koche Wasser. Nach und nach trudeln dann einige Fahrer und Fahrerinnen ein um Kaffee oder auch Tee für sich und ihre Insassen zu holen. Dafür bekomme ich Pralinen, eine Dauerwurst ein liebes Dankeschön und auch ein wenig Small Talk.
Eine Fahrerin erklärt mir, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, da die Rettungs- und Hilfskräfte auf der Strecke zum Pass ein Wohnmobil zu bergen hätten. Waren das etwa…
Dann, nach dreieinhalb Stunden kamen vier riesige LKWs, beladen mit Schotter und Erde und ein Frontlader. Sie gehören zu einer nahe gelegenen Baustelle und werden um den LKW herum eine Behelfsstraße aufschütten. Das hört sich hoffnungsvoll an und weitere drei Stunden später und nach insgesamt neun Fuhren Schotter war die Behelfsumgehung fertig. Im Vorbeifahren bedanke ich mich bei den Arbeitern für den tollen Job, den sie geleistet haben und die freuen sich sich mit stolz geschwellter Brust.

Weiter geht es, der Nachtruhe entgegen. Irgendwie fand die Unterbrechung sehr reizvoll. Ich hatte das Gefühl in dieser Situation mit meiner Café-Bar den richtigen Einfall gehabt zu haben und fühlte mich gut.
Der Sturm wird immer schlimmer! Mein FidBus springt auf der Straße RocknRoll. Die Zurrgurte meiner Kisten auf dem Dach singen und jaulen gottsjämmerlich und dann war Ruhe. Auch gut, hat sich zurechtgeruckelt oder der Wind hat sich gedreht. Ein Auto holt zu mir auf, blinkt und deutet zurück. Ja und dann war’s vorbei mit meinem guten Gefühl. Ich steigeg aus, um die Ladung zu kontrollieren. Ich zähle Kisten, eins und zwei… Jessas mei! Wo ist die drei???“. Nun war mir klar woher die plötzliche Ruhe kam. Kiste Nummer drei wählte einen anderen Weg als ich. Der Zurrgurt muss sich durch das Gerüttel und die Schwingungen gelöst und der Kiste die Freiheit geschenkt haben. Sch…!
Umdrehen und schauen, was noch zu retten ist. Es war die Kiste mit Werkzeug und Gas!
Ja, etwa zwei Kilometer zurück lag sie da, auf der Mittellinie, als wäre sie dort abgestellt worden.

Weder war sie beschädigt, noch aufgesprungen. Qualität ist eben Qualität und das unterscheidet die Kisten von Z….s von denen anderer Hersteller.
Die Welt ist wieder in Ordnung und dann finde ich hinter einem Wald eine Anhöhe mit Blick auf den Porsanger Fjord. Schmiere meine Beine, öffne eine Dose kühlen Bieres. Und… Schlafe bis zum nächsten Morgen acht Uhr, ganz ohne Jucken.

Auf der Erde, unter der Erde, auf dem Wasserund in die Luft

Longyearby zweiter Teil

Es ist der neunzehnte Mai und ich muss meine gemütliche Unterkunft von Polar Bear verlassen und umziehen in das Guesthouse. Das war ein Fehler in meiner Planung. Da ich zuerst meine das vermeintlich günstigere Guesthouse 102 buchte, die aber erst ab dem neunzehnten Mai ein Einzelzimmer frei hatte, buchte ich mir davor das etwas teurere, aber wie sich herausstellte, ungemein gemütliche und sehr zentral gelegene Polar Bear für die davor liegende Zeit. Das Guesthouse liegt vom Zentrum zwei Kilometer entfernt und das kann nach einem langen Tag zu viel sein, um, einer alten Tradition folgend…

Andererseits regt es meinen Ehrgeiz an sowohl den Hin- als auch den Rückweg in die Karlsberg-Bar ausschließlich mit der Kraft meiner Beine zu bewältigen.

Glücklicherweise muss ich mein Gepäck nicht die zwei Kilometer bis ins Guesthouse tragen. Es waren ja nicht nur meine zwei Rucksäcke, sondern auch die vielen Lebensmittel die Julia und Kinga mir überlassen hatten zu translozieren.
Katarina von Spitzbergen Reisen organisierte es so, dass ich am Ende meiner heutigen Wanderung von dem Guide, verzeiht, ich habe ihren Namen vergessen, mit meinem Gepäck ins Gästehaus gefahren werde.

Um halb zehn treffen wir uns zur Wanderung. Maraike ist heute unsere bewaffnete Begleiterin. Mit dem Bus geht es hinaus, am Flughafen vorbei bis ans Ende der Straße, dann wird gelaufen. Es liegt noch viel Schnee und das Gelände ist teilweise vereist. Sicherheitshalber verteilt Maraike Schneeketten für unsere Schuhe an uns Wandervögel. Neun Personen, davon drei Taiwanerinnen, ein amerikanisches Paar, zwei Schweizer Mädels mit Fotos, deren Objektive in keinen Rucksack passten und einer weiteren Person, die durch nichts aufgefallen ist, somit auch nicht durch irgendeine Nationalität. Das besondere auf Svalbard ist, dass es keine Wanderwege gibt. So stolpern wir über das grobe Geröll aus Gneisen und stapfen durch Schnee. Es hat in der letzten Zeit stark getaut und so befinden sich unter dem weichen, faulen und knietiefen Schnee häufig Wasserläufe und bricht man durch den Schnee hindurch holt man sich schnell nasse Füße oder, wie es einer der Taiwanerinnen erging, verliert man auch schon mal den Schuh. Er fand sich glücklicherweise nach einigem Graben wieder. In wahre Begeisterung brachen sie aus, als ich Ihnen zwei Stückchen Kohle, die ich seit ein paar Tagen mit mir herum trug schenkte, weil sie wissen wollten, wie Kohle ausschaut, wenn sie frisch aus dem Berg kommt. Wir laufen das Björndal ein Stück hinein, treffen auf zwei Polarfüchse, die ausschauten, als wären sie selbst gerade erst aus der Kohlemine gekommen, da sie sich im Fellwechsel befinden, das nun schon recht schwarz / weiß gefleckt ist. Das Spitzbergen-Ren mit seinem kompakten Körperbau und den kurzen Beine ist sehr zutraulich und neugierig uns so müssen wir uns nicht an die Tiere heranpirschen, sie kommen auf uns zu posieren und ziehen ihres Weges.

Der Rückweg verläuft entlang eines Flusses zurück zum Fjord. Ein eisiger Nordwind hat das Eis hier ans Ufer getrieben. Ein kaltes Bild. Nach fünf Stunden sind wir zurück. Ich werde im Gästehaus samt Gepäck abgesetzt und richte mich nun erst einmal ein.

Das Zimmer ist größer als gedacht, es liegt im ersten Stock, Frühstück ist im Preis inbegriffen und die frischen Waffeln sind ein Gedicht, wie sich am nächsten Morgen zeigt. Doch es ist Zeit zurückzugehen in die Stadt, einer alten Tradition folgend…

Auf dem Rückweg hat der Wind aufgefrischt, er bläst mir nun eiskalt ins Gesicht und ich bin froh, als ich in mein warmes Bett krieche

Seit gestern plagt mich ein fürchterliches Jucken vom Abschluss meiner Söckchen bis zum Knie. Es ist hauptsächlich meine rechte Seite betroffen, doch auch links spüre ich erste Anzeichen.
Heißes Abduschen der betroffenen Stellen, was sich wie eine totale Überreizung anfühlt, so als hätte man mich auf Dauer an ein Stromnetz angeschlossen, hilft wenigstens für die Nacht, doch morgen muss ich zurück in die Strümpfe und Schuhe, denn der Besuch der Grube #3 ist angesagt.

Grube #3

Pünktlich um ein Uhr werde ich aus dem Guesthouse abgeholt. Zusammen sind wir heute wieder 11 Personen plus Guide. Die Fahrt geht vorbei an dem Global Seed Vault Fahren wir in die Grube #3, einer Kohlemine, die von 1971 bis 1996 produktiv war. Sie ist die einzige Grube die nicht vollständig rückgebaut wurde. Alle Gerätschaften sind in ihr verblieben und so verspricht das eine interessante Tour zu werden. Unser Guide, ichglaube, er hieß Eric, ansonsten nenne ich ihn jetzt einfach einmal so, gab uns eine kurze geschichtliche Einführung. Alle, die einmal in einen Streb hineinkriechen wollten, bekamen dann noch einen Overall und dann ging es auch schon los. Anders als im mitteleuropäischen Bergbau gab es durchaus Frauen unter Tage. Sie arbeiteten als Elektrikerinnen, Mechanikerinnen aber in einigen Fällen auch als Hauer.
Nachdem die erste Frau in der Mine arbeitete begannen einige Männer die Grubenbahn mit Malereien zu verzieren.


So, nun ist alles erklärt, wir nehmen Helm und Lampe in Empfang und dann „Glück auf“.

Es ist kalt in der Grube. Die Temperatur liegt das ganze Jahr über bei -2°C bis -3°C und ich bekomme schnell kalte Finger. Ich hätte besser meine Handschuhe mitgenommen. Als erstes gelangen wir an einen Seitenstollen, der nach wenigen Metern jedoch verschlossen ist. Hier lagert ein Teil der Samen aus dem Global Seed Vault1. Über einen Zeitraum von einhundert Jahren soll untersucht werden, welche Auswirkungen es hätte, würde die Kühlung des des Global Seed Vault ausfallen.
Wir bekommen hier auch vorgeführt, wie es sich wohl anfühlt. In einem solchen Stollen oder einer Höhle ganz ohne Licht und Außengeräusche für einen längeren Zeitraum zu überstehen. Licht aus und alle einmal ganz still sein. Ich gebe zu, dass ist eine sehr bedrückende Erfahrung. Wie mag es erst nach einem Unglück sein, wenn man nicht einmal das Ausmaß der Zerstörung mehr erkennen kann.

Beeindruckend ist ein Blick in die Abbaustrecken. Oft sind diese nicht höher als fünfzig Zentimeter. In diese arbeiteten sich die Bergleute kriechend bis zu zweihundert Meter in die Kohle. Immer schoben oder zogen sie das schwere Werkzeug und die Eisernen Stempel um den Abbau zu sichern vor sich her oder zogen es nach. Zwölf Stunden im Liegen arbeiten, das erforderte besondere Menschen.
Die Grube 3 birgt aber auch noch eine weitere Besonderheit. Nämlich das Atlantic World Archive. Auch hier hat man den Permafrost genutzt um Dokumente auf speziell entwickeltem Mikrofilm zu lagern. Dieses Archiv wird von einem privaten Unternehmen betrieben und jeder Mensch, der etwas für eine gewisse Zeit archiviert bekommen möchte, kann sich hier einkaufen. Gegen eine Gebühr kann das Archiv für fünfzig, einhundert oder mehr Jahre nutzen. Eine Nutzbarkeit der Daten wird für mindesten 2000 Jahre garantiert.
Nach drei Stunden treten wir wieder ins Tageslicht. Die vier Grad Plus kommen mir nun richtig warm vor. Die Tour lohnt sich in jedem Fall, auch wenn der Guide sichtlich Spaß daran fand, bei seinen Erklärungen hin und wieder ins Schlüpfrige zu verfallen,

Spritztour zu den Walrössern

Und dann kommt am 20. Mai der letzte Ausflug. Auf ihn habe ich mich am meisten gefreut.

Mit dem Boot fahren wir auf eine Walross-Safari. Unsere Guides sind dieses Mal Agnes und Oscar. Etwa eine Stunde fahren wir mit dem Schnellboot auf die andere Seite des Fjordes. Hier vom Wasser aus tut sich vor uns ein grandioses Panorama auf. Schneebedeckte Berge, Drifteis auf dem Wasser und blauer Himmel. Welch ein Glück! Wir nähern uns dem Eis vor dem Longyearby gegenüberliegenden Ufer. Und da, könnten das bereits die ersten Walrösser sein. Dieses Mal war es ein Fehlalarm, es waren lediglich ein paar Felsen, die aus dem Eis herausragte, doch dann das Signal Walrösser! Drei dieser mächtigen Tiere konnte man mit dem Fernglas ausmachen. Na ja, ein wenig näher hätte ich sie mir doch gewünscht, doch besser so als gar nicht. Und dann entdeckten wir sie. Zwei Männchen lagen da am Rand des Eises und sonnten sich. Dieses mal fuhren wir so dicht an sie heran, dass sie sich gerade so noch nicht gestresst fühlen. Während der eine Bulle völlig apathisch dalag, zeigte uns der andere seine respektablen Elfenbeinzähne. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie dick meine Speckschicht sein müsste um so entspannt in der Sonne zu liegen ohne einen kalten Hintern zu bekommen. Nun herrschte große Aufregung auf dem Boot. Jeder wollte eine besonders gute Position für sein Foto. Ich hatte, was ich wollte und überließ den anderen meinen Platz. Diese Gelegenheit nutzte Agnes, als sie herausbekam, dass ich vom Fach bin, um mir Fragen zur Entstehung Svalbards, der Berge und Plattenverschiebung erklären zu lassen und auch, woher die Form der Berge stammt und ob man aufgrund der Gebirgsform eine Aussage über das Gestein machen könnte. Ich war froh, dass ich mich zuvor ein wenig über die Geologie Spitzbergens informiert hatte und so konnte ich ihre Fragen einigermaßen sinnvoll beantworten. Nach einer halben Stunde winkte der aktiver Walrossbulle mit einer Flosse, als wolle er uns sagen: „Nun reichts! Zieht Leine und lasst uns schlafen“.


Das Signal wirde verstanden. Wir drehten ab, fuhren noch ein wenig an den großen blauen Gletschern vorbei, die leider wegen des dichten Eises doch in einiger Ferne blieben. Aber es war genug, um sich ihre Mächtigkeit vorzustellen. Dann war auch dieses Abenteuer vorüber. Wieder an Land, zog ich einer alten Tradition folgend…

Ein weiterer Abschied

Noch einmal esse ich die köstlichen Waffeln das Guesthouse 102 und dann wird mal wieder gepackt. Immer wieder erfüllen mich letzte Male mit diesem Entgültigkeitsgefühl, obwohl ich mich dieses Mal leichter trennen kann. Eine Woche auf Spitzbergen ist für die meisten Besucher ausreichend und teuer.
Da man sich hier ohne Gewehr und das heißt auch, ohne einen Guide nicht aus der Stadt herausbewegen kann, sind individuelle Touren so gut wie unmöglich. Jede Tour benötigt eine Guide, eine Gruppe und das ist mit Kosten verbunden; hohen Kosten. Nach Low-Budget-Touren brauchst du gar nicht erst zu fragen, denn außer einem Lachen und einem Kopfschütteln gibt es hier nichts umsonst.
Pünktlich um drei Uhr hebt mein Flieger Richtung Tromsö ab. Wieder fliegen wir über den Wolken und wieder bleibt mir ein Blick von Oben auf Svalbard versagt. Schade!


In Tromsö angekommen nehme ich meinen FidiBus in die Arme, fahre in die Stadt und suche meinen alten Standplatz auf. Dann kämme ich mich, ziehe mir eine frische Hose und ein neues Hemd an und…
feiere meinen Geburtstag. Vom letzten Mal weiß ich, dass ein gutes Lokal ganz in der Nähe am Hafen ist. Es ist gemütlich und man wird bedient. Keine Selbstverständlichkeit in skandinavischen Restaurants. Heute lasse ich es mir gut gehen. Einen Dobble Iced Gin als Aperetiv, eine hervorragende Norwegische Zwiebelsuppe in einer Rotwein-Rinderbouillon als Vorspeise und zum Hauptgang Rentiersteak vom Svalbard-Ren mit neuen Kartoffeln auf dem Gemüsebett und einem ganz hervorragenden Rotweinfond.
Als Dessert gab’s die Rechnung und ich schaute mich um, ob unbemerkt eine zweite Person mit mir gespeist hatte. EGAL!!! Es war ein schöner Abend, aber zu zweit wäre er tatsächlich noch viel schöner gewesen, gell!
Glücklich und zufrieden legte ich mich ins Bett und gab mich meinem Juckreiz hin. Verdammt, wenn das nicht aufhört…
Bevor ich Tromsö verlasse mache ich am nächsten Tag noch einen Stadtrundgang durch die Altstadt, setze mich auf die Terasse eines Kaffees und genieße die Wärme der Sonne. Um drei Uhr am Nachmittag heißt es dann „Tromsö Adee“. Das nächste Ziel ist Alta.

  1. Das global Seed Vault ist eine Samenbank für Getreidesamen der ganzen Welt bei -18°C. Es soll eines Tages dazu dienen, ausgestorbene oder vernichtete Getreidesorten nachziehen zu können, unter anderem auch nach einer atomaren Katastrophe. ↩︎

Longyearbyen Teil 1

Dies ist nun der erste Beitrag aus Longyearbyen in Spitzbergen. Mein Flug, verlief ohne ProblemedenHeute ist in Norwegen ein besonderer Tag. Es ist der Verfassungstag. In jedem Jahr, am 17 Mai, wird der Nationalfeiertag mit einer Parade gefeiert.
Doch zwischen heute und dem letzten Bericht liegt eine längere Zeitspanne, während der ja auch einiges geschehen ist.

Am ersten Tag habe ich mich zunächst einmal in meinem neuen Heim eingerichtet, eingekauft und den Aktivitätenplan erstellt, doch dann am vierzehnten Mai machte ich mich auf die Socken unm die Stadt zu erkunden. Hilfreich war mir da ein Audioguide, der von meinem Gastgeber erstellt wurde. An achtundvierzig Stationen erfuhr ich alles Wichtige über die Stadt, das Leben und die Infrastruktur.
Einst diente Longyearbyen nur den Arbeitern der nahe gelegenen Minen als Schlafsiedlung und erst später zogen die Familien nach. So entwickelte sich langsam aus der Abeiterunterkunft eine Wohn und Familienstadt. Nun ist die Stadt auf etwa 2600 Einwohner angewachsen, die ständig oder auf längere Zeit hier wohnen. Longyearbyen ist bei einigen nicht nur wegen der arktischen Verhältnisse so beliebt, sondern auch wegen der besonders geringen Spitzbergensteuer. Auffällig an der Architektur ist, dass alle Gebäude auf Stelzen errichtet wurden. Alle Rohre für Abwasser und Wasser, sowie die Fernwärme, die in einem eigens hierfür gebauten Kraftwerk erzeugt wird, verlaufen oberirdisch, damit sie nicht dem instabilen Permafrostboden zum Opfer fallen. Bei einigen großen Bauten sorgt eine extra Kühlung unter dem Gebäude dafür, dass sich die Gabäudewärme nicht auf den Permafrost überträgt und ihn zum Schmelzen bringt.
Überall an den Berghängen sehe ich Relikte der alten Gruben und deren Förderanlagen.
Interessant ist auch das Svalbard Museum mit seiner beeindruckenden Präsentation der Geschichte Spitzbergens, seiner geografischen und geologenschen Entwicklung und der Erforschung. Das Museum befindet sich in dem modernen Gebäude der Universität. Natürlich widme ich diesem Museum einen ganzen Tag. Es gibt in der kurzen Zeit, die ich auf Svalbard verbringe, den besten Einblick in das Leben auf dem Archipel.


Später besuche ich die nördlichste Brauerei der Welt, die Svalbard bryggeri. Da es auf Svalbard verboten war Alkohol zu produzieren und zu verkaufen wurde eigens hierfür das entsprechende Gesetz geändert.
Ein Highlight ist eine Fahrt mit dem Hundeschlitten. Die Hundestationen befinden sich weit außerhalb der Stadt, da das Gebell und Geheul von mehr als vierhundert Hunden nicht auszuhalten wäre.
Mit ein paar anderen Reisenden starten wir und wissen noch nicht, ob die Bedingungen für eine Schlittentour noch ausreichen, oder ob stattdessen die Tour mit Karren stattfindet. Schon von weitem hören wir die Hunde heulen und bellen. Allein in dieser Station befinden sich etwa neunzig Hunde und unsere Ankunft signalisiert ihnen, dass es Arbeit gibt, aber auch viele Ahhs und Oooos und Streicheleinheiten. Die Tiere sind außerordentlich freundlich, sie springen an mir hoch, lecken mir durchs Gesicht und genießen es sichtlich, wenn ich ihnen den Rücken kratze. Wir bekommen unseren Schlitten zugewiesen und erhalten eine kurze Einweisung in die Technik. Doch zuerst müssen die Hunde eingespannt werden. Ich schnappe mir eines der Tiere und kann es nur mit größter Anstrengung halten und führen. Immer breche ich im faulen Schnee ein, aber loslassen ist keine Option. Man spürt die Freude und Aufregung der Hunde, die erst im Geschirr ein wenig ruhiger werde. Und dann geht’s los. Dem ersten Schlitten kann ich nur mit einem Sprung in allerletzter Sekunde entkommen. Wo er mich traf, prangt jetzt heute ein dicker fetter blauer Fleck. Jetzt gibt es kein Bellen und kein Heulen mehr. Mit allem, was die Tiere geben können, stürmen sie los und zerren den Schlitten selbst über nassen, schneefreien Boden einen Hang hinauf und dann erreichen wir die Schneefläche. Es ist eine wilde Jagd und immer wieder muss der Schlitten gebremst werden. Es ist nur noch das Kratzen der Kufen und das Klirren der Hundegeschirre zu hören. Ohne auf Wasserlöcher oder Unebenheiten auf der Strecke zu achten, jagen wir dahin, von Zeit zu Zeit eingehüllt in eine Wolke übelriechender Hundeabgase. Richtig gefährlich wird es jedoch, wenn die Hunde es nicht beim Entgasen lassen, sondern sie sich auch von den weiteren Produkten ihres Stoffwechsels trennen. Die können das perfekt in voller Fahrt erledigen und dann heißt es in Deckung gehen. Shit happens!
Nach der Hälfte der Strecke tauschen wir die Plätze. Mein Partner übernimmt die Rolle des Passagiers, die wegen der gerade geschilderten Besonderheiten, die bei Weitem gefährlichere ist und ich beziehe die Position auf den Kufen. Hat man in seinem Leben schon einmal auf Skiern gestanden, dann ist das Steuern kein allzu großes Problem und für den Notfall gibt es eine Bremse und einen Anker. Nur mithilfe dieser Tools bekommt man die Hunde zu stehen.

Am Nachmittag sind wir nach einem wärmenden Kaffee, einem Cognac und vielen interessanten Gesprächen wieder zurück in der Stadt. Der alten Tradition folgend gehe ich am Abend noch einmal in die Bar, treffe den Guide der Brauereiführung, der überzeugt davon ist, den Weltrekord im Marathon in diesem Jahr zu unterbieten, Joshua, den Amerikaner des letzten Abends, der als Notfallmediziner alle Krisengebiete des Nahen Ostens bereist hatte, den Chefkoch eines Expeditionsschiffes und einen hünenhaften Eiskletterer, Jäger und Kanute. Irgendwann stellte sich heraus, dass Joshua und der Hühne aus dem gleichen Ort kommen, und dann wurde eine Runde nach der anderen bestellt. Irgendwann habe ich dann die Flucht ergriffen. Spitzbergen ist zu teuer, als dass man den nächsten Tag nur noch mit brummendem Schädel erleben kann.
Ja, und heute also ist Verfassungstag. Doch es ist auch der Abreisetag von Julia und Kinga. Nach dem gemeinsamen Frühstück tauschen wir die Adressen aus und dann heißt es Abschied nehmen. Auf dem Weg zu Ausgang dreht Kinga sich noch einmal um, nimmt mich in die Arme und drückt mich so fest, dass mir beinahe die Luft wegbleibt und dann rollen auch schon dicke Tränen ihre Wangen herab. Ich erinnere sie so sehr an ihren Vater, der nicht mehr lebt. Vor Rührung wären mir beinahe selbst die Tränen gekommen, ein letztes Winken und dann steht der Flughafenbus vor der Tür.
Morgen ziehe auch ich um. Es ging leider nicht anders, als dass ich die letzten drei Tage in einem Zimmer im Gästehaus am Ende des Tals buchen musste. Nun, auch das wird sicher wieder viele neue Geschichten hervorbringen.
Also los. Einer alten Tradition folgend…

78° nördlicher Breite

Die Fahrt zum Flughafen verläuft ohne große Aufregung. Noch immer fällt ein leichter Nieselregen vom Himmel, die Wolken hängen dicht über dem Wasser, geben die Sicht nur auf den Fuß der Berge preis. Ein wenig muss ich suchen, bis ich den gebuchten Parkplatz gefunden habe. Eingepackt in alle meine warmen Kleider, die ich nicht mehr im Rucksack untergebracht habe, stapfe ich dich wie ein Bär zum Terminal, liefere mein Gepäck ab und versuche meinen Laptop mit dem Flughafennetz zu verbinden. Fehlanzeige! Wegen Umbauarbeiten gibt es zurzeit kein öffentliches Netz. Kurz vor zwölf beginnt das Boarding und dann sitze ich am Fenster der Boeing 737 und hoffe, dass sich die Seitenwand während des Fluges nicht verabschiedet.

Start in Tromsö
Start in Tromsö

Für kurze Zeit taucht unter mir noch einmal Tromsö auf. Neben der Brücke sehe ich die Eismeerkathedrale und dann tauchen wir ein in graue Wolken, die wir bereits nach wenigen Minuten wieder verlassen, über mir der blaue Himmel, unter mir das weiße Wolkenmeer.

Es ist seltsam, das erste Mal fühle ich mich unwohl. Es ist nicht der Flug, aber es ist das Gefühl an meinem Ziel ein Fremder zu sein. Woher das Gefühl kommt, kann ich mir nicht erklären. Liegt es daran, dass ich anscheinend der Einzige bin, der nicht einer Reisegruppe angehört, oder daran, dass mir ohne meinen FidiBus das Stück Zuhause fehlt, dass mir schon in Kanada ein Gefühl der Geborgenheit vermittelte. Oder war es die Befürchtung, dass sich unter Umständen von meinen Plänen nichts realisieren lässt. Schließlich hatte ich von dem lokalen Veranstalter auf meine Wünsche noch keine Antwort erhalten. Den Grund meines Unwohlseins werde ich wohl nicht mehr ergründen.

Der Flieger geht in den Sinkflug. Wir durchstoßen die obere Wolkendecke und nun sehe ich schroffe Berge, und von der Sonne angestrahlt, blendend weißen Schnee. Sonst nichts. Nichts deutet darauf hin, dass hier Menschen wohnen. In abenteuerlichen Kurven umfliegen wir die Berge und nähern uns dem Flughafen von Osten. Dann tauchen die Erzminen, der Hafen und der Flugplatz auf und ich bin da.

Anflug auf Longyearbyen
Anflug auf Longyearbyen

Der Shuttlebus bringt mich in die Stadt, meine Unterkunft ist nur wenige Schritte entfernt. Von Chris werde ich freundlich in Empfang genommen und er zeigt mir mein Zimmer. Die gesamte obere Etage ist als Gästeetage mit zwei Bädern, einem gemütlichen Aufenthaltsraum mit großer, nach Süden ausgerichteter Fensterfront, einer Küche und vier Gästezimmern. Alles hell und freundlich eingerichtet. Mit mir wohnen noch zwei polnische Frauen im Gästehaus. Julia besitzt einen deutschen Pass, da sie in Deutschland geboren wurde, aber nur in ihrem ersten Lebensjahr in Deutschland lebte. Heute wohnt und arbeitet sie in Norwegen. Ihre Freundin Kinga kommt aus Polen und spricht nur polnisch und ein wenig englisch. So läuft die ganze Konversation über Julia

Es trifft sich gut, dass Chris und das Team von Polar Bear ein Reiseunternehmen im gleichen Haus betreiben, und so habe ich schon bald eine Liste von Aktivitäten für die nächste Zeit in den Händen.

Mein eigentümliches Gefühl ist noch nicht verschwunden, aber es ist schwächer geworden. Wie immer gehe ich noch einmal in die nahe gelegene Bar. Vielleicht kann ich hier ein paar erste Kontakte knüpfen. Es gibt keine Theke, alle sitzen an Tischen. Geschlossene Gruppen der diversen Reiseveranstalter. Ich setze mich an einen Tisch zu einem Herren, der sich ausschließlich seinem Handy widmete, begleitet von Knurren und Lauten der Entrüstung. Gespräch? Fehlanzeige!

Nach einem Bier habe ich genug von diesem Tag. Ich ziehe mich zurück und werde die Bequemlichkeit eines soliden Bettes genießen.
Morgen geht es los, dann werde ich die Stadt erkunden.

Gehe einmal im Jahr an einen Ort, an dem du noch nie warst*

Es ist der Tag meines Fluges nach Spitzbergen. Doch was geschah bisher?
Ich hätte natürlich in Narvik am Hafen stehen könne, doch wer sich einen Hafen mit kleinen Fischerbooten vorstellt und netten kleinen Kneipen rundherum, der wird bald erkennen, dass nichts, aber rein gar nichts von all den romantischen Vorstellungen auf den Hafen von Narvik zutrifft. Es ist ein Industriehafen, zweckmäßig und unprätentiös. Das Regenwetter tut das Seinige noch obendrauf. Doch vierundfünfzig Kilometer nördlich gibt es, laut iOverlander einen schönen Stellplatz an einem kleinen See in einer kleinen Gemeinde mit einem kleinen Outdoor-Fitness-Bereich. Also mache ich mich auf den Weg.
Der Platz ist tatsächlich recht hübsch. Gleich nebenan befindet sich die Bibliothek und dort gibt es auch immer ein WiFi. Falsch gedacht. Die Bibliothek war geschlossen und somit kein Netz verfügbar. Was ja so schlimm auch nicht ist. Viel schlimmer, und das wurde mir am nächste Tag bewusst ist, dass mein Platz von allen Seiten einsehbar ist. Pipi machen in freier Natur ist da nicht so ohne Weiteres möglich, zumal das Fehlen der Dunkelheit mir ebenfalls keinen Schutz bot. So kam es, wie es kommen musste. Sehr früh am Morgen verlangte mein Stoffwechsel sein Recht. Die Häuser um mich herum waren noch immer vorhanden und es brannte Licht in ihnen.
Ich konnte mich hier einfach nicht zu einem „Freigang“ durchringen. Somit startete ich meinen FidiBus und fuhr zur nächsten Tankstelle. Puh! Es war höchste Eisenbahn.
Der Rest des Tages wäre beinahe entspannt zu nennen gewesen, hätte nicht ein mir wohlbekanntes Schleifen die Ruhe genommen. Ein Blick unter das Auto bestätigte meinen Verdacht. Der Auspuff war zwischen erstem und zweitem Topf auseinandergerissen, genau dort, wo ich ihn mit einem Rohrverbinder bereits am Tag der Abreise reparierte. Auf einem halbwegs ebenen und asphaltierten Parkplatz mache ich mich an die erneute Reparatur. Gegen die Nässe von unten schützt mich eine große Fußmatte. Gegen die Nässe von oben schützt mich nur der unerschütterliche Glaube an meine Gesundheit. Es gießt mittlerweile in Strömen. Nach einer viertel Stunde habe ich die beiden Rohre wieder verbunden, allerdings schaffte ich es nicht, den Auspuff in seiner Gummihalterung zu fixieren. Das erledige ich, wenn ich von Spitzbergen zurück bin. Dann habe ich, wenn nötig, viel Zeit um auf einen regenfreien Tag zu warten.

Für die folgende Strecke wähle ich eine kleine und sehr holperige Straße durch den Övre-Dividal-Nationalpark. Eine traumhafte Berglandschaft tut sich vor mir auf. Wie in einem Theater schiebt sich hin und wieder der Wolkenvorhang auf und gibt den Blick frei auf die hohen und schroffen Berge links und rechts. Vereinzelte Gehöfte säumen die Straße, ein Bach mäandert mit lautem Plätschern entlang meines Weges. Immer wieder halte ich an und staune und nun weiß ich die Antwort auf die mir oft gestellte Frage, welches Land ich wohl am schönsten fände. Die Antwort fiel mir immer schwer. Jedes Land birgt eine große Zahl unterschiedlichster Aspekte. Viele Bausteine tragen das emotionale Gerüst eines Landes. Die Landschaft, soziale Gesichtspunkte, die politische Situation, die Menschen und auch das eigene Gefühl, mit dem man einem Land begegnet. Das weiß ich nur zu gut aus meinen Erfahrungen mit den USA in den ’68er Jahren. Das Land ist groß und fantastisch, die Menschen auf eine oberflächliche und unverbindliche Art freundlich, doch mein ganz persönliches Erlebnis verbindet dieses Land für immer mit einem unüberwindbaren negativen Gefühl.

Die Welt Skandinaviens aber übt eine starke Attraktivität auf mich aus. Sie prägte einst mein Verständnis für die Zusammenhänge und dem empfindlichen Gleichgewicht der Natur. Hier empfand ich das minimalistische Leben nicht als belastend, sondern als eine Herausforderung. Hier fühlte ich mich nicht als Gast, sondern für eine begrenzte Zeit als Teil meiner Umwelt. Vieles von dem, was ich hier gelernt habe, bleibt anderen Menschen verschlossen. Es ist nicht Norwegen, nicht Schweden, nicht Finnland, die ich als schönstes Land küren möchte, es ist das ganze Skandinavien, in dem die Menschen jene Gelassenheit ausstrahlen, die von der Ruhe der Landschaft ausgeht. Das raue Dasein außerhalb der großen Metropolen schärft den Sinn für das Angenehme des Lebens. Geselligkeit, Sauna, das Leben in und mit der Natur. Ja, heute wüsste ich eine Antwort.

Am späten Abend treffe ich in Tromsö ein. Noch immer regnet es Hunde und Katzen. Ich bin verwirrt von der Straßenführung. Kilometerlange Tunnel unterhalb der Stadt halten den größten Teil der Autos aus der Stadt fern, doch ich finde meinen heutigen Standplatz am Strandvejen, direkt im Hafen und am Wasser. Auch nicht romantisch, aber dafür sicher und es ist nur für eine Nacht. Nun heißt es umpacken und nichts vergessen und dann suche ich mir eine nette Bar. Ich finde, ich hab es mir heute verdient. Erst scheint es, als hätten sich die Preise gegenüber denen von vor fünfzig Jahren nicht verändert, doch statt zwölf Mark kostet das Bier heute zwölf Euro. Wie soll man denn da Alkoholiker werden. Ja, Norwegen ist teuer, sehr teuer!

In einer Stunde startet mein Flieger. Ich bin gespannt, was mich erwartet.


* Dalai Lama




Mein Berg, mein Abisko, mein Abschied


Ich habe geträumt heute Nacht. In meinem Traum stapfte ich durch tiefen Schnee, doch er war nicht locker, sondern hatte die Konsistenz von Schlick. Und dann steckte ich fest, meine Beine waren festgesaugt in dieser tückischen Masse und ich konnte sie nicht herausziehen. Glücklicherweise erwachte ich, bevor ich verloren und vergessen in der weißen Schneelandschaft für immer verloren war.
Die Nacht verbrachte ich auf einem Rastplatz nahe der E10 und abgesehen von diesem Traum war mein Schlaf gut und lange und nach den Frühstück mache ich mich auf den Weg. Kurz vor elf soll ab Abisko ein Zug nach Narvik gehen und um vier am Nachmittag kann ich wieder zurück nach Abisko fahren. Für die vierzig Kilometer nach Abisko habe ich zwei Stunden Zeit. Genug um in Abisko alte Erinnerungen zu wecken. Ich las auf dem Weg die Ortsschilder und sie waren mir so vertraut. Torneträsk, hier war die letzte Bahnstation am See. Dann tauchte vor mir die steile Ostwand des Luopakte auf. ‚Mein Berg‘. Hier seilte ich mich einst ab, um nach der Gleitschicht zwischen den Gebirgsdecken zu suchen. Stenbaken, Meine Station, von der ich meinen Weg ins Gelände antrat. Irgendwo dort in einer Mulde musste mein Zeltplatz gelegen haben. Einen Sommer teilte ich mir den Platz mit einer Kommilitonin, der jedoch die Einsamkeit und die fremden Geräusche derart zusetzten, dass sie, nach einem Angriff durch ein Rabenpärchen am nächsten Tag ihre Arbeit im wahrsten Sinne des Wortes in den Dreck warf und wieder in die sichere Enge ihrer Studentenbude zurückkehrte.
Ich genoss die Ruhe, die Freiheit, die Demut, wenn die sich die Gewitter an der Felswand brachen und mit ungeheurem Getöse aus allen Richtungen zu kommen schienen. Dann lag ich im Zelt oder versteckte mich hinter großen Felsen, in der Hoffnung, dass mich die Blitze nicht finden.
Schien die Sonne, legte ich mich, barfuß bis zum Hals, auf die Wiese und wurde nur durch die Rülpslaute der Schneehühner gestört. Fast fünfzig Jahre liegt das nun schon zurück und noch immer spüre ich die Kraft der Prägung in diese Zeit. Und dann bohrt sich durch die Schicht der Erinnerung eine seltsame Traurigkeit. Mit einem Schlag wird mir meine Endlichkeit bewusst. Ich werde ‚meinen Berg heute wohl ein letztes Mal sehen. Ein letztes Mal meine Erinnerungen in jene reale Welt zurücktragen in der sich so viel verändert hat. Da steht ‚mein Berg‘ und es ist ihm so egal, was ich an ihm erforschen wollte, wieviele wärmende Feuer ich an seinem Fuße entfachte, was ich in seiner Nähe erträumte und ob ich ihn ehrfürchtig oder mit wissenschaftlicher Arroganz betrachte. Wenn ich schon nicht mehr auf dieser Erde wandele hat mein Berg noch Jahrmillionen vor sich. Hier und da bekommt er ein paar Narben, er altert, wie das Gesicht eines Greises, in dem, wie auf den Rillen einer Schallplatte ein ganzes Leben gespeichert ist. So werden zukünftige Wissenschaftler das alte Gesicht meines Berges studieren.

Ich bin so verzaubert von meinen Erinnerungen, dass ich die Zeit vergesse und nun spute ich mich um rechtzeitig in Abisko zu sein. Dieses kleine beschauliche Dorf aus dereinst einer handvoll kleiner Holzhäuser ist zu einer Stadt gewachsen. Nur mit Mühe erkenne ich den Bahnhof wieder. Wo ist unser kleiner Laden, der bei Ankunft der Marburger Geologen sein Lager mit Paletten von Leichtbier bis unter das Dach füllte? Weg! Wo der kleine Schotterweg an dem aus den Häusern links und rechts der unverkennbare Dunst der Schnappsdestillen für den guten Hjemebrand, dem Hausschnaps, drang? Weg! Stattdessen ein Supermarkt, eine Schamanin, die in ihrem Shop ihre Dienste den Touristen auf bunten Plakaten anbietet und – keine Eisenbahn. Es verkehren nach einem Unglück mit einem Erzzug vorerst keine Personenzüge auf der Strecke Abisko – Narvik, da die Strecke repariert und gesichert wird. Ich treffe ein paar Gleisarbeiter und sie erzählen mir von den zwei Unfällen, leider sprechen sie nur sehr schlecht englisch, dafür aber umso besser deutsch, denn es sind deutsche Arbeiter, die hier vom europäischen Ausschreibungsverfahren profitieren.
Wie von einem Magneten angezogen lande ich dann in der wissenschaftlichen Station Abisko und trotz vieler Veränderungen ist doch Vieles noch wie vor fünfzig Jahren. Da steht unsere Hütte an der gleichen Stelle mit dem gleichen Namen „Salix“, Dort die Hütte „Calix“, an deren Wand damals eine große Strichliste aller von uns getrunkener Biere hing. Die Labore, die Küche und selbst die kreative Unordnung auf dem Gelände war zwischen all dem Neuen noch vorhanden.
Ich nutze ich die Zeit und laufe, einen heute sehr bequem begehbaren Holzsteg entlang am Canyon des Abiskojaure. Auch hier traten die Erinnerungen vor mein inneres Auge, in der junge Frauen, die in der Touriststation wohnten, nur bekleidet mit dem, was Gott ihnen mitgab, die Sonne verehrten, unbeeindruckt von der Unzahl hungriger Mücken. Ach…

Ich reiße mich von meinen Gedankenlos, cruise langsam weiter, vorbei an all den Bahnstationen, die für immer in mein Gehirn geprägt sind und durch die wohl aufregenste Welt Lapplands.
Narvik, in meinem Rückblick eine so brodelnde belebte Stadt zeigt sich mir heute als ein träger langweiliger Industriehafen ohne Charme. Hier hat mir meine Erinnerung wohl einen derben Streich gespielt. Ich verlasse die Stadt, suche mir einen netten Platz für die Nacht und trinke mein letztes Bier.
Bis morgen!

Winter mit Sauna

Der Blick aus dem Fenster des FidiBus treibt mir die Kälte in die Knochen. Nebelschwaden ziehen über die Bucht und es regnet. Der Entschluss eines Indoor-Frühstücks zwingt sich mir auf. Schwedisches Vollkornbrot, das sich von amerikanischem Weißbrot nur durch die Farbe und den süßlichen Geschmack unterscheidet, ansonsten ist es leicht auf ein Drittel seines Volumens komprimierbar.
Um kurz nach neun Uhr bin ich ‚on the road again‘. Zunächst fahre ich auf der geplanten Route, weiche aber kurz hinter Sundsval nach Nordwesten über kleinere Straßen aus. Bald bin ich so gut wie allein unterwegs. Immer wieder wechselt Asphalt und Schotter und FidiBus setzt langsam eine graubraune Dreckkruste an. So muss es sein, so fühlt er sich wohl.
Der Regen wird heftiger und bald mischen sich die ersten Schneeflocken unter die Tropfen. Die Temperatur sinkt auf ein Grad und ich stelle die Heizung höher. Meine Finger wollen nicht warm werden. Auf vierhundert Metern Höhe schneit es dann richtig. Wie wird es weitergehen? Was, wenn die Fahrbahn verschneit ist. Das würde meinen mühsam heraus gefahrenen Vorsprung zunichtemachen. Die Landschaft verwandelt sich in die typische boreale Tundralandschaft mit Seen, Sümpfen, Birkenwäldern, alles bedeckt von einer schmutzig weißen Schneedecke. Dann lese ich das Schild ‚Lappland‘ und als würde ich eine unsichtbare Wand durchfahren stehen, tauchen nun die Rentiere auf, Schneehühner queren die Piste und ein Fuchs steht seelenruhig am Straßenrand und beobachtet staunen meinen FidiBus. Meine Bitte für eine Fotosession schlägt er jedoch aus und mit eingezogenem Schwanz verschwindet er im Wald. Das Gelände wird niedriger, der Schnee verwandelt sich in Regen und es wird Zeit, mich nach einem Schlafplatz umzuschauen. Weder iOverlander noch Park4Night, die Lieblings-Apps für Overlander bieten einen Vorschlag. Nur am Nordsijön wird ein Campingplatz ausgewiesen. Eine Überprüfung des von mir ausgehenden olfaktorischen Reizes empfiehl mir eine Dusche und so steuere ich diese Herberge an. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte.
Ich kratzte meine wenigen Brocken Schwedisch zusammen und melde mich in der Rezeption an. Es ist warm und gemütlich. Der Geruch warmen Essens wabert in meine Nasenflügel und das Mädel an der Theke macht mir klar, dass es heute Reise und eine Sauce aus geräuchertem Hähnchen und Gemüse gibt. Alles für neunzehn Euro und soviel ich mag. Das ist ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann. Übrigens findet die Konversation in schönstem Schwyzer Dütsch statt. Sie ist beim Reisen hier hängen geblieben und bleibt bis zum Sommer bevor sie weiter zieht.

Und wieder geschieht, was mir so häufig begegnet. Während ich mein Essen vor mir habe, setzt sich ein kräftiger Mann neben mich und beginnt zu erzählen. Sein Bruder betreibt den Campingplatz und er sei aus Luleo gekommen. Ihre Mutter sei vor zwei Wochen gestorben und nun trauern sie gemeinsam. Es scheint mir eine sehr fröhliche Art der Trauer zu sein, denn zuvor sah ich sie bei Bier und Whisky lachend die Würfel werfen. Eine Frau kommt an meinen Tisch und fragt, ob sie sich zu mir setzen darf. Kein Problem. Sie heißt Cordelia mit „C“. Auch sie ist Schweizerin, wie sich herausstellte. Auch sie sei hier gestrandet, nachdem sie durch eine Internetplattform, die Urlaub gegen Mitarbeit anbietet bei einem deutschen Landwirt Arbeit fand. Doch nach vierzehn Tagen machte ihr der Hausherr klar, dass er sie nicht mehr gebrauchen kann und eine halbe Stunde später war sie mit Sack und Pack ausgezogen und fand eine kleine Hütte hier auf dem Platz.
Es sei eine schreckliche deutsch-holländische Familie gewesen. Er quälte seine Tiere, war fett wie ein Otter was verhinderte, dass er arbeiten konnte und behandelte seine Frau wie seinen Sklaven. Cordelia bekam gesagt, wann sie aufzustehen und wann sie Zu Bett zu gehen hatte. Sie schleppte schwere Säcke und stand derweil im Hof und rauchte. Ja, so kann es gehen.

Es ist Zeit für die Sauna, die bereits angeheizt war. Ein Pärchen aus Heidelberg hatte den Ofen angefeuert und so setzte ich mich wie ein Kuckuck in das gemachte Nest. Es ist ein zauberhafter Blick aus der heißen Sauna heraus auf den vereisten See und in die winterliche Landschaft. Absolute Ruhe umgab mich und nur das Knistern des Feuers verströmt Wärme. Schnell entspinnt sich ein Gespräch, wie immer über das woher, wohin. Sie wollen nach Narvik über Abisko und zurück auf der norwegischen Seite nach Heidelberg. Da kann ich mit einigen Tipps für schöne Wanderungen helfen. Es war ja ‚meine Gegend‘ und noch beim Erzählen spüre ich diese ungeheure Vertrautheit, das alte Gefühl eines zweiten Zuhhauses, nachdem ich in den Siebzigern viele Sommer in meinem Zelt in den Bergen am Torneträsk verbracht hatte. Ich erzählte ihnen von der Empfindlichkeit der Natur (gehe im weglosen Gelände niemals den gleichen Weg zweimal, denn dann entsteht ein Pfad auf dem spärlichen Boden. Starte und verbrenne nur in größter Not die winzigen, harzreichen Zwergbirken, denn sie sind hunderte Jahre alt. Verwende zu starten eines Feuers die Rinde umgestürzter Birken. Ihre Hitze bringt selbst nasses Holz zum Brennen).
Zwischen den Saunagängen sitzen wir schweigend auf einer grau verwitterten Holzbank und lassen die Stille tief in uns eindringen.
Die Temperatur ist auf Minusgrade gesunken. Es wird Zeit, in meinen Schlafsack zu kriechen. Den Reißverschluss bis obenhin geschlossen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, schlafe ich schon bald einen tiefen und gesunden Schlaf.


Tag zwei

Noch 1300 km bis Tromsöya

Ich wache von dem Trommeln des Regens auf das Dach meines FidiBus auf. Der Wetterbericht hatte recht. Es ist halb fünf am Morgen und draußen ist es bereits wieder hell. Das Trommeln des Regens wirkt auf mich beruhigend und einschläfernd und als ich das zweite Mal erwache, ist es halb acht. Es geht nichts über einen ruhigen und tiefen Schlaf. Von der Reise gibt es nicht viel zu berichten. Auf meinem Weg liegt gleich zu Beginn die Ruine des Zisterzienserklosters von Alvastra aus dem Gründungsjahr 1143.
Die Route E4 ist wegen Sprengarbeiten gesperrt und ich weiche ein wenig weiter nach Westen aus. Landschaftlich ist es hier sehr lieblich, trotz weiter sinkender Temperatur. Kurz hinter Söderhamn suche ich mir einen Schlafplatz und werde an der Küste des Bottnischen Meerbusens zwischen Gävle und Sundsval auf einer kleinen Halbinsel fündig. Der Weg führt über eine vierzehn Kilometer lange Schotterpiste, aber es lohnt sich. Links und rechts leuchten im Wald noch einige Schneereste. Von grünen Bäumen ist außer bei den Fichten noch nichts zu erkennen. Meteorologisch bin ich wieder Mitte März gelandet. Vor mir öffnet sich die Schärenlandschaft, ein paar vereinzelte Häuser stehen am Ufer und im leicht bewegten Wasser schaukelt hier und da ein Ruderboot. Es ist ruhig und friedlich.
Es ist viertel vor zehn und die Dämmerung bedeckt langsam die Bucht und meinen FidiBus.

Es geht los!

Nach einem Zwischenaufenthalt in Reinbek und Launburg mache ich mich am 6. Mai auf den Weg Richtung Dänemark. Durch eine Landschaft voller goldener goldene Rapsfelder und frischgrüner Wälder cruise ich auf verwinkelten Landstraßen dahin und weiß manchmal nicht einmal mehr, ob ich überhaupt noch in der richtigen Richtung unterwegs bin. Irgendwann hören die Wälder auf. Stattdessen breiten sich nun weite Felder vor mir aus und nach zweieinhalb Stunden sehe ich das erste Hinweisschild nach Puttgarden Fährhafen und nur wenig später fahre ich an den automatischen Check-In Automaten. Wie leicht doch alles geht, QR-Code einlesen und schauen, ob ich noch am selben Abend übersetzen kann. Gleich zwei Irrtümer überzeugen mich davon, dass nicht so funktionieren muss, wie man es sich ausdenkt. Erstens funktioniert der Check-In nicht mit dem QR-Code, den ich samt Ticket auf meinem Smartphone abgespeichert habe, sondern ich muss einen Bar-Code vorweisen, der nur auf dem gedruckten Ticket zu finden ist. Ich finde, das ist wie eine E-Mail, die ich ausdrucken und verschicken muss, damit sie ihren Empfänger erreicht. Alternativ kann ich die Buchungsnummer von Hand eingeben. Das klappt erstaunlich schnell. Erstaunlich ist jedoch die Nachricht, die sich darauf auf dem Display zeigt. ‚Sie haben 80 Euro bezahlt. Offene Bezahlung 64 Euro‘. Das ist der Aufpreis für die Umbuchung auf eine fast leere Fähre. Nie und nimmer! Rückwärts schleiche ich mich aus der Reihe, nötige einige geduldige Autofahrer ebenfalls zu einem Rückzugmanöver und peile einen Übernachtungsplatz an, den mir die kluge App iOverlander empfiehlt. Zehn Euro auf einem Strandparkplatz inklusive Toilette und Übernachtung. Leider stimmte das wohl zum Zeitpunkt des Eintrages 2021 noch; heute prangt neben dem Parkplatzschild jedoch ein noch größeres, dass darauf verweist, dass Übernachtungen nicht und unter keinen Umständen erlaubt seien. Also wähle ich die nächste Alternative, einen Campingplatz im Ort Altenteil. Ja, dieser Ort heißt tatsächlich so und er macht seinem Namen alle Ehre. Um 21 Uhr ist sämtliches Leben von den Straßen gewichen und das Licht ist aus den Fenstern erloschen wie das Leben dieses Dorfes. Der Campingplatz allerdings ist vorhanden. Laut Beschreibung bei iOberlander kostet er drinnen zwanzig und draußen vor der Schranke für ‚Overnight-Gäste‘ zehn Euro. Etwa fünf junge Menschen, die Betreiber, wie sich herausstellt, haben sich jedoch soeben entschlossen, fröhlich lachend die Rezeption zu verlassen. Online Check-In ginge noch für eine halbe Stunde, wenn ich Netz finde. Ich fand! Zwei Minuten vor Ablauf der Frist und zu einem Preis von siebzehn Euro parke ich meinen FidiBus in die beschriebene Bucht, die ich auf eigene Initiative hin ein wenig erweitere, indem ich den Zaun zum Strand ignoriere, worauf ich umgehend von einem grimmigen Surfer hingewiesen werde. Wie dem auch sei, der Platz hat Ostseeblick und hervorragende Sanitäranlagen.
Der 7. Mai beginnt um 6:45 Uhr mit einem Kaffee und sauerer Kaffeesahne, er lässt sich bequem an und endet in Hektik, weil ich mal wieder die Zeit verträume. Im letzten Augenblick bewältige ich das Check-In-Verfahren für die Fähre, bekomme, weshalb auch immer eine Zusatzzahlung von sechzehn Euro von meiner Kreditkarte abgebucht und dann schaukele ich in fünfundvierzig Minuten nach…Die zweite Fähre schippert mich von Helsingör nach Helsingborg. Und dann bin ich in Schweden. Die erste Übernachtung in Schweden ist am Vättern-See. Erst stehe ich hier allein, später gesellt sich Cornelia, eine schwedische Ärztin dazu, die auf der Wiese ihr Zelt aufbaut. Ich spendiere ein Glas Wein, richte ein Feuer her und wir unterhalten uns noch eine Weile.
Und nun sage ich: Gute Nacht!

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