22.Mai 2024
Heute möchte ich nach einem Stadtrundgang durch Tromsö und der Besichtigung der Eiskathedrale weiter Richtung Norden fahren. Es gibt mehrere Möglichkeiten, um nach Finnland zu gelangen und ich gedenke zunächst über Alta einzureisen, um dann irgendwie an den Inarisee zu gelangen. Doch zunächst möchte ich mich vergewissern, dass mein Auspuff keinen größeren Schaden genommen hat. Der Boden ist trocken und mit Regen muss ich nicht rechnen. Ich fahre den FidBus auf meine Keile, um ein wenig Höhe zu gewinnen und dann betrachte ich mir das Ganze von unten. Wie vermutet, kamen die rappelnden Geräusche daher, dass ich mir wegen des starken Regens bei der letzten Instandsetzung nicht die Mühe machte, den Auspuff in die enge Gummi-Halterung zu drücken. Das hole ich heute nach. Mit viel Vaseline, die ich zusammen mit Watte zur Genüge als Feuerstarter dabei habe, flutscht der Auspuff geradezu in die Aufhängung. Tatsächlich, nun ist Ruhe im Bus. Ich starte meinen Stadtrundgang und muss feststellen, dass die ganzen schönen Straßen gerade einer gründlichen Sanierung unterzogen werden. Aufgerissene Gehsteige, hinter Bauzäunen verborgene Häuser und der Lärm der Bagger und Rüttelmaschinen macht einen Besuch derzeit problematisch. Am Yachthafen finde ich endlich was ich suche. Hübsche Arrangements der alten Kontore, und viele bunte Boote. In den alten Hafengebäuden befinden sich fast ausschließlich Cafés und Gastronomie der gehobenen Preisklasse. Lediglich zwei Gebäude weisen noch eine Nutzung auf, die der Seefahrt gewidmet ist. Es ist das Gebäude der SAR Seenotrettung sowie das Polarmuseum, dass heute leider geschlossen ist. Es ist eben noch keine Saison. Es ist mit sieben Grad für diesen Breitengrad recht warm und das treibt die Menschen in die Cafés. Mit T-Shirt, kurzen Hosen und leicht bekleidet laufen hauptsächlich die jungen Menschen durch die Stadt. Man merkt sofort, dass man in einer Universitätsstadt ist. Auch ich entscheide mich noch einen Kaffee zu trinken und beobachte das Treiben auf der Straße. Doch dann wird es Zeit zum Aufbruch und ich laufe zu meinem FidiBus. Auf treuer Geselle! Reise Reise!

Einen Zwischenstopp lege ich an der Eiskathedrale ein. Sie ist, wie sollte es anders sein, Mittwochs geschlossen. Aber dann sehe ich Kinder in der Kirche und irgendwie müssen die ja auch reingekommen sein. Bei einem Rundgang um die Kirche finde ich einen offenen Eingang im Kellerbereich und ich probiere es einfach einmal. Siehe da, ich finde die Treppe in den Kirchenraum. Sehr hell und ohne großen Pomp wirkt die Kirche doch erhaben. Wie zusammengeschobene Eisschollen verschiedener Höhe sind die einzelnen Elemente ineinander verschachtelt. Über dem Chor ein prächtig leuchtendes modernes Fenster. Um den Altar herum toben Kinder. Ich schieße ein Foto vom Fenster und schon mache ich Bekanntschaft mit einer sehr energischen Dame, offensichtlich die Pastorin, die mich auffordert, sofort das Foto zu löschen. Wissend, dass es in ganz Norwegen verboten ist, Kinder auf Spielplätzen, in Schulen oder in Kindergärten, sowie in allen öffentlichen Einrichtungen zu fotografiere, habe ich glücklicherweise darauf geachte. Ich zeige ihr, dass es auf meinem Foto tatsächlich nur das Fenster zu sehen gibt, aber da hat sie schon einen weiteren Grund, mich zu tadeln. „Wie kommen Sie hier herein?“ Meine Erklärung, bringt sie nur noch mehr auf und unmissverständlich bekomme ich die Aufforderung die Kirche umgehend zu verlassen. Christlichkeit ist nicht immer barmherzig.
Ich reise also meinem heutigen Ziel entgegen. Es wird richtig warm, und zeitweise fahre ich mit geöffnetem Fenster. In weiten Bögen fahre ich am Ufer der Fjorde entlang, die verschneiten Berge immer im Blick. Hier gibt es auch die langen Gestelle, in denen der Fisch zu dem angeblich sehr schmackhaften Törget Fisk, zum Trocknen aufgehängt wird. Noch befinden sich die Wasserfälle hinter einer dicken Schicht aus Eis und Schnee, doch die Bäche an ihrem Fuße entwickeln sich zu reißenden Flüssen. Hier erlebe ich tatsächlich den Beginn des Frühlings. Überall treibt das zarte Grün aus den Bäumen und Sträuchern und hier und da zeigen sich die ersten Blumen auf den noch braunen und von Schnee plattgedrückten Wiesen. Die Sonne verliert an Höhe und sogleich wird es deutlich kühler. Mir reicht es für heute und als ich eine ungenutzte, in den Fjord hinein gebaute Hafenanlage sehe, stelle ich mich auf die Mole und beende meinen Tag.


Am nächsten Morgen wache ich wie gerädert auf. Ein böser Juckreiz hat mich die ganze Nacht auf Trab gehalten. Kleine rote Pusteln steigen vom Bündchen der Strümpfe das Schienenbein hinauf bis in die Wade. Das Einzige was ich dabei hatte war dank meiner Eitelkeit eine Körperlotion, die sich aber als absolut unwirksam erwies. Im Internet finde ich, dass eine der Hauptursachen für juckende Beine zu enge Strümpfe, eine Allergien oder eine Psoriasis seien. Lieber Gott, lass es nicht letzteres sein. In jedem Fall sei dafür zu sorgen, das die Haut nicht austrockne. Da kommt mir doch mein Feuerstarter in den Sinn. Was als Feuerstarter und Schmiermittel funktioniert, sollte doch auch die Feuchtigkeit in meinen Beinen halten können. Also schmiere ich und das nicht zu nicht zu knapp und verspüre nun eine gewisse Linderung. Für die nächsten Tage sind Socken oder Strümpfe tabu. Sind die Strümpfe noch so fein, für meine Beine sind sie Pein. Luft und weiße Vaseline soll’n für Fuß und Beines Schiene meine treuen Helfer sein.
Für ein Paar Stunden gibt mir das ein wenig Ruhe und mit der wenigen Ruhe starte ich in den nächsten Tag. Verschneite Berge, vereiste Wasserfälle und Fjord um Fjord umrunde ich. Am Abend dann erreiche ich Alta. Die Felsritzungen aus der Jungsteinzeit im Alta Museum sind sehenswert. Sie zeigen ornamentale Ritzungen aber auch Bilder von Jagdszenen und Tieren. Das Museum wurde mit diesem Artefakten in das Weltkulturerbe aufgenommen. Da ich bereits zwei mal in dem Museum war, schenke ich mir ein drittes Mal. Ich bin nach der letzten Nacht müde und suche mir im Hafen von Alta einen geeigneten Platz, esse zu Abend schmiere mich mit der einigermaßen ekligen Vaseline ein und lege mich schlafen. Es schien alles gut und ohne Probleme döste ich weg. Zwei Stunden später: Jucken! Schmieren! Es ist kurz nach zwölf. Kurz nach zwei: Jucken! Schmieren! Kurz nach vier: Jucken! Schmieren! Dann endlich schlief ich bis kurz nach sieben. Erholsam geht anders. Nach dem Frühstück entscheide ich mich dann doch weiter in den Norden zu reisen und noch einmal, zum dritten Mal, das Nordkap zu besuchen. Es ging mir nicht um das Kap, dass völlig auf Kommerz ausgerichtet ist. Verwunderlich ist, dass sie für einen Stellplatz auf dem Plateau noch immer keine Gebühr verlangen. Was mich anzieht sind die natürlichen Äolsharfen, tiefe Rinnen und Röhren im Gestein, die, wenn sie vom Wind angeblasen werden, wie Orgelpfeifen brummen und summen. Mal ganz hoch, aber auch ganz tief, als blase man über einen Flaschenhals.
Noch einmal geht es nun zurück in den immer tieferen Winter. Bis auf vierhundert Meter steigt das flache Gebirge. Eine verschneite und vereiste Tundralandschaft liegt vor und unter mir und sie scheint unendlich zu sein. Nur vereinzelt stehen ein paar Birken herum, zumeist tot, abgebrochen und verkrüppelt. Es ist noch einmal ein faszinierender Anblick. Am Mittag erreiche ich die Halbinsel Mageröj auf der das Nordkap liegt. Es wird windig und es regnet und schneit abwechselnd. Das Meer ist aufgewühlt lange Gischtfahnen wehen über das Wasser und manchmal lösen sie sich und rasen als Gischtwolken über das Meer. Mein FidiBus wird hin und her gerüttelt und ich muss langsam fahren. In Honningsvog mach ich eine letzte Pause in einer warmen Bar, bevor ich die letzten etwa dreißig Kilometer in Angriff nehme. Kurz hinter Honningsvog geht es noch einmal hinauf in die Berge und über einen Pass. Ein Schild weist auf Schneekettenpflicht hin und wenige Kilometer später war es dann vorbei. „Wegen starken Windes geschlossen“. Ein völlig verschneiter Schneepflug kam mir entgegen und er machte mir klar, dass es weder heute noch morgen eine Möglichkeit gäbe, das Kap zu erreichen. Verschneite Fahrbahn und zwischenzeitlich zum Orkan angewachsener Sturm erlauben nur niedrigen, allrad getriebenen PKWoder Trucks ein Durchkommen. Für mich oder Wohnmobile ist hier Schluss! Also machte ich mir einen Tee und entschließe mich zu Umkehr. Zwei deutsche Wohnmobile stoppten an dem Sperrschild und ich berichtete ihnen von der Warnung des Schneepflugfahrers. Sie kennen sich aus und hätten solche Situationen am Kap schon einmal erlebt. Da sei viel Schau dabei. Ich zeige hinab auf’s tosende Wasser. „Sieht mir nicht nach Schau aus“.





Ich fahre zurück! Fahre dieses mal an Honningsvag vorbei und hoffe irgendwo einen geeigneten Platz für die Nacht zu finden. Doch dann ist endgültig Schluss. Vor mir liegt ein LKW, beziehungsweise ein umgestürzter Anhänger, der so unglücklich die Böschung hinabgestürzt war, dass er das Heck der Zugmaschiene etwa einen halben Meter in die Höhe gerissen hat. Auf den Vorderrädern steht der Laster quer über der Straße und an ein Vorbeikommen ist nicht zu denken.

Ich frage, wie es weiter geht. Im günstigsten Fall kann eine Bergung erst in circa fünf Stunden erfolgen. Okay, ich sehe es gelassen. Hinter mir kommen nun noch weitere Autos. Ich steige aus und gehe die Autoreihe entlang und biete an, heißen Kaffee oder Tee zu verteilen. Sie sollen einfach mit einer Tasse zu meinem FidiBus kommen. Zurück in meinem Zuhause, hole ich Kocher und Kessel aus dem Schrank und koche Wasser. Nach und nach trudeln dann einige Fahrer und Fahrerinnen ein um Kaffee oder auch Tee für sich und ihre Insassen zu holen. Dafür bekomme ich Pralinen, eine Dauerwurst ein liebes Dankeschön und auch ein wenig Small Talk.
Eine Fahrerin erklärt mir, dass es wohl noch eine Weile dauern wird, da die Rettungs- und Hilfskräfte auf der Strecke zum Pass ein Wohnmobil zu bergen hätten. Waren das etwa…
Dann, nach dreieinhalb Stunden kamen vier riesige LKWs, beladen mit Schotter und Erde und ein Frontlader. Sie gehören zu einer nahe gelegenen Baustelle und werden um den LKW herum eine Behelfsstraße aufschütten. Das hört sich hoffnungsvoll an und weitere drei Stunden später und nach insgesamt neun Fuhren Schotter war die Behelfsumgehung fertig. Im Vorbeifahren bedanke ich mich bei den Arbeitern für den tollen Job, den sie geleistet haben und die freuen sich sich mit stolz geschwellter Brust.
Weiter geht es, der Nachtruhe entgegen. Irgendwie fand die Unterbrechung sehr reizvoll. Ich hatte das Gefühl in dieser Situation mit meiner Café-Bar den richtigen Einfall gehabt zu haben und fühlte mich gut.
Der Sturm wird immer schlimmer! Mein FidBus springt auf der Straße RocknRoll. Die Zurrgurte meiner Kisten auf dem Dach singen und jaulen gottsjämmerlich und dann war Ruhe. Auch gut, hat sich zurechtgeruckelt oder der Wind hat sich gedreht. Ein Auto holt zu mir auf, blinkt und deutet zurück. Ja und dann war’s vorbei mit meinem guten Gefühl. Ich steigeg aus, um die Ladung zu kontrollieren. Ich zähle Kisten, eins und zwei… Jessas mei! Wo ist die drei???“. Nun war mir klar woher die plötzliche Ruhe kam. Kiste Nummer drei wählte einen anderen Weg als ich. Der Zurrgurt muss sich durch das Gerüttel und die Schwingungen gelöst und der Kiste die Freiheit geschenkt haben. Sch…!
Umdrehen und schauen, was noch zu retten ist. Es war die Kiste mit Werkzeug und Gas!
Ja, etwa zwei Kilometer zurück lag sie da, auf der Mittellinie, als wäre sie dort abgestellt worden.
Weder war sie beschädigt, noch aufgesprungen. Qualität ist eben Qualität und das unterscheidet die Kisten von Z….s von denen anderer Hersteller.
Die Welt ist wieder in Ordnung und dann finde ich hinter einem Wald eine Anhöhe mit Blick auf den Porsanger Fjord. Schmiere meine Beine, öffne eine Dose kühlen Bieres. Und… Schlafe bis zum nächsten Morgen acht Uhr, ganz ohne Jucken.


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