27. Mai 2024
Die Entscheidung für eine sonntägliche Ruhepause habe ich nicht bereut. Ausgestattet mit so viel Zeit konnte ich wieder ein wenig Ordnung in meinen FidiBus bringen, Meine Hygiene-Grundausstattung erlaubte mir den Gang unter die Menschen und gäbe es hier Fliegen, so hätte ich für dies Plage sämtliche Attraktivität verloren.
Grund genug also um heute, nach dem Frühstück die Räder meines FidiBus zu inspizieren und mich von ihm über den Asphalt chauffieren zu lassen.

Doch halt bei der Einfahrt nach Inari und zu meinem Lagerplatz fahre ich an einem großen, modern anmutenden Gebäude vorbei, in dem ich das Museum vermutete. Also warum nicht einmal ein samisches Museum besuchen.
Vor dem Gebäude stehend bekomme ich Zweifel, ob es sich tatsächlich um ein Museum handelt. An den Hinweisschildern fehlt das finnische „Museo“, denn so viel habe ich bereits gelernt. In großen Lettern prangt an der Eingangstüre „Sajos inari“. Auch aus der Nähe und beim Eintreten zeigt sich mir eine dreiachsige Symmetrie mit einem hellen, klaren und modernen Erscheinen. Ich bemühe meinen Übersetzer und siehe da, ein Museum ist dies wahrhaftig nicht. Es handelt sich eher um das Gegenteil. Ich befinde mich im Kultur- und Regierungsgebäude des Samenlandes. Im Zentrum befindet sich ein zylindrischer Raum, in dem das „Parlament“ tagt und in dem die wichtigen Entscheidungen getroffen werden. An der Außenwand wird der gewünschte Umgang der samischen Kultur und Natur thematisiert. Insbesondere das respektlose Eindringen der Touristen in die Privatsphäre und ganz besonders die Fotografierwut der Besucher nimmt man in dieser Ausstellung aufs Korn.

Sicher, Samen haben ihre Kultur, die für uns in vielerlei Hinsicht exotisch und

fremd erscheint. Noch immer spielen die Geister eine große Rolle. Die spezielle, Gesänge, das joiken, der traditionelle schamanische Gesang, visualisiert die Natur und ihre Geschöpfe. Er ist unseren Ohren fremd. Doch das ist noch kein Grund, ungefragt Mensch und Gesang aufzunehmen. Wie im Glauben vieler indigener Völker stiehlt man auf diese Weise ihre Seelen.
Kurz überlege ich, ob ich in der sehr hellen und dennoch gemütlichen Cafeteria einkehren soll, entschließe mich dann aber doch lieber meinen nächsten Schlafplatz aufzusuchen.
Nicht weit möchte ich heute fahren. Es sind knapp einhundertsechzig Kilometer. Ich werde dennoch vier Stunden bis dorthin benötigen. Die letzten80 Kilometer werden noch einmal schwierig. Der Asphalt endet und von nun an geht es auf Schotter weiter. Irgendwie erinnert mich das alles an meine Kanadareise 2022. Schotterstraßen, unendliche Wälder, weite, oft eintönige Landschaften. Nur etwa einhundert Kilometer bin ich gefahren und schon hat sich die Vegetation grundlegend geändert. In den Birken zeigt sich inzwischen der frische Frühling. Die Tundra hat ihr eintöniges Braun gegen ein noch blasses Grün eingetauscht und die ersten gelben Blümchen strecken ihre Köpfchen aus dem Unterholz. Es ist inzwischen richtig warm geworden. Die Sonne brennt vom Himmel, aber es ist keine gute Sonne. Meine Mutter hätte sie als eine falsche Sonne bezeichnet, denn sie bringt keine Wärme, sondern sengende Hitze, verheißt nichts Gutes, vielleicht Regen, vielleicht gar Gewitter, auch die Wolken weisen eine seltsame Linsenform auf, wie ich das nur vom Föhn kenne. Föhnwetter

Auf dem Satellitenbild meines Navis zeigt sich in der Landschaft plötzlich eine seltsame Struktur. Sie ist groß und eindeutig Menschen gemacht. Sofort fährt meine Fantasie Achterbahn. Etwas Militärisches? Eine Raketenbasis? Oder doch nur eine riesige Papierfabrik. Ich muss meine Neugier stillen und suche einen Zugang zu dem Komplex. Der erste Weg endet vor einem großen verschlossenen Tor, ohne einen Hinweis auf das, was sich hinter dem Tor verbirgt. Bei der zweiten Zufahrt habe ich Glück. Sie führt direkt in den Komplex und hier finde ich auch einen Hinweis auf die Bedeutung des Geheimnisses,

AGNICO EAGLE MINES steht in großen Lettern an dem Zugang. Ich befinde mich am Tor der größten Goldmine Europas, etwa vierzig Kilometer südwestlich von Kittilä, Mein Entschluss steht fest. Ich fahre morgen nach Kittilä und versuche herauszubekommen, ob man die Mine, die, soweit ich das sehen kann, im Tagebau betrieben wird, besuchen kann. Das Gold wird, anders als in Kanada, chemisch konzentriert, wobei angeblich besonderer Wert auf Umweltverträglichkeit gelegt wird. Ich versuche das herauszufinden.
Dann biege ich auf eine noch kleiner Schotterstraße ab. Ein Schild weist darauf hin, dass das Befahren auf eigene Gefahr erfolgt und nach weiteren sechs Kilometer stehe ich mitten im Nirgendwo am Fluss Ounasjoki. Es ist viertel nach vier. Ich baue Tisch und Stuhl auf, öffne mir ein Bier als „Anleger“ und schaue auf das Wasser. Eigentlich ein schönes Motiv für eine Luftaufnahme. Nach wenigen Minuten ist meine Drohne startklar, die Software sagt mir, dass in der Nähe ein privater Flugplatz ist, als bleibe ich unter fünfzig Metern und mache ein paar eindrucksvolle Bilder.

Von Norden her wird der Himmel dunkel mit einer Rosa Basis. Das sieht nach Gewitter aus und aus der Ferne vernehme ich nach zwanzig Minuten ein dumpfes Grollen.

Ich packe wieder ein, gerade rechtzeitig, als mich die Böenwalze des nahen Gewitters erreicht und dann geht es auch schon los. Der Himmel ist schwarz. Um mich herum zucken die Blitze und schon kracht es los. Das Gewitter steht nun direkt über mir. In meinem FidiBus fühle ich mich sicher und das Prasseln des Regens macht es trotz allem beinahe gemütlich. Wie gesagt, beinahe.

28. Mai 2024

Das gestrige Gewitter brachte ein wenig Abkühlung und hat die Waldbrandgefahr vorerst gebannt. Auch für heute werden weitere Gewitter erwartet. Nach einem ausgiebigen Frühstück starte ich um Viertel nach zehn in Richtung Kittilä. Vielleicht kann man hier Auskunft geben über eine Besuchsmöglichkeit der Mine. Kittilä ist eine Stadt, wie die genauso gut, wie sie in US-amerikanischen Vorstädten anzutreffen ist. Flache, eingeschossige Einfamilienhäuschen entlang der Straße, ein Supermarkt, mehrere Tankstellen und mindestens drei Museen, alle geschlossen bis zum ersten Juni, dem offiziellen Beginn der Sommersaison. Nur eine Tourist-Information gibt es hier nicht. Ich versuche es auf direktem Weg und suche mir die Telefonnummer der Agnico-Eagle Finland Oy, so der offizielle Name der Minengesellschaft heraus. Bei meinem Anruf rechnete ich mit einer strikten Absage, wie ich es aus Kanada gewohnt war. Stattdessen antwortet mir eine sehr freundliche Stimme und erklärt mir, dass es zwar keine organisierten Führungen durch die Mine gäbe, er wolle sich jedoch umhören, ob sich jemand für ein Interview und einen Rundgang bereit erklärte. Immerhin bleibt eine Hoffnung. So erkläre ich, dass mich mein Weg am Nachmittag zunächst nach Rovaniemi führt, ich aber binnen 3 Stunden wieder zurück sein könne, sodass ich Morgen früh einen Termin in der Mine wahrnehmen kann.
Besonders interessieren würde mich, in welchen Gesteinsformationen das Gold zu finden ist und wie es weiter verarbeitet wird. Meine ersten Recherchen ergaben, dass man den Tagebau in den nächsten Jahren aufgeben möchte uns stattdessen das Gold unter Tage über eine, mit erneuerbaren Energien betriebenen Schacht-Förderanlage an die Oberfläche bringt. Unter Umweltgesichtspunkten gilt die Mine als eine der Umweltverträglichsten weltweit. Die Aufbereitung des Erzes erfolgt ohne giftige Substanzen (Amalgamverfahren mit Quecksilber oder Cyanidlaugerei). Welches Verfahren, ob das nasschemische oder das Anodenschlammverfahren, beide Verfahren gelten als umweltverträglich, zur Anwendung kommt, war mir auf die Schnelle herauszufinden nicht möglich. Ich bleibe dran!