Es ist der Tag meines Fluges nach Spitzbergen. Doch was geschah bisher?
Ich hätte natürlich in Narvik am Hafen stehen könne, doch wer sich einen Hafen mit kleinen Fischerbooten vorstellt und netten kleinen Kneipen rundherum, der wird bald erkennen, dass nichts, aber rein gar nichts von all den romantischen Vorstellungen auf den Hafen von Narvik zutrifft. Es ist ein Industriehafen, zweckmäßig und unprätentiös. Das Regenwetter tut das Seinige noch obendrauf. Doch vierundfünfzig Kilometer nördlich gibt es, laut iOverlander einen schönen Stellplatz an einem kleinen See in einer kleinen Gemeinde mit einem kleinen Outdoor-Fitness-Bereich. Also mache ich mich auf den Weg.
Der Platz ist tatsächlich recht hübsch. Gleich nebenan befindet sich die Bibliothek und dort gibt es auch immer ein WiFi. Falsch gedacht. Die Bibliothek war geschlossen und somit kein Netz verfügbar. Was ja so schlimm auch nicht ist. Viel schlimmer, und das wurde mir am nächste Tag bewusst ist, dass mein Platz von allen Seiten einsehbar ist. Pipi machen in freier Natur ist da nicht so ohne Weiteres möglich, zumal das Fehlen der Dunkelheit mir ebenfalls keinen Schutz bot. So kam es, wie es kommen musste. Sehr früh am Morgen verlangte mein Stoffwechsel sein Recht. Die Häuser um mich herum waren noch immer vorhanden und es brannte Licht in ihnen.
Ich konnte mich hier einfach nicht zu einem „Freigang“ durchringen. Somit startete ich meinen FidiBus und fuhr zur nächsten Tankstelle. Puh! Es war höchste Eisenbahn.
Der Rest des Tages wäre beinahe entspannt zu nennen gewesen, hätte nicht ein mir wohlbekanntes Schleifen die Ruhe genommen. Ein Blick unter das Auto bestätigte meinen Verdacht. Der Auspuff war zwischen erstem und zweitem Topf auseinandergerissen, genau dort, wo ich ihn mit einem Rohrverbinder bereits am Tag der Abreise reparierte. Auf einem halbwegs ebenen und asphaltierten Parkplatz mache ich mich an die erneute Reparatur. Gegen die Nässe von unten schützt mich eine große Fußmatte. Gegen die Nässe von oben schützt mich nur der unerschütterliche Glaube an meine Gesundheit. Es gießt mittlerweile in Strömen. Nach einer viertel Stunde habe ich die beiden Rohre wieder verbunden, allerdings schaffte ich es nicht, den Auspuff in seiner Gummihalterung zu fixieren. Das erledige ich, wenn ich von Spitzbergen zurück bin. Dann habe ich, wenn nötig, viel Zeit um auf einen regenfreien Tag zu warten.

Für die folgende Strecke wähle ich eine kleine und sehr holperige Straße durch den Övre-Dividal-Nationalpark. Eine traumhafte Berglandschaft tut sich vor mir auf. Wie in einem Theater schiebt sich hin und wieder der Wolkenvorhang auf und gibt den Blick frei auf die hohen und schroffen Berge links und rechts. Vereinzelte Gehöfte säumen die Straße, ein Bach mäandert mit lautem Plätschern entlang meines Weges. Immer wieder halte ich an und staune und nun weiß ich die Antwort auf die mir oft gestellte Frage, welches Land ich wohl am schönsten fände. Die Antwort fiel mir immer schwer. Jedes Land birgt eine große Zahl unterschiedlichster Aspekte. Viele Bausteine tragen das emotionale Gerüst eines Landes. Die Landschaft, soziale Gesichtspunkte, die politische Situation, die Menschen und auch das eigene Gefühl, mit dem man einem Land begegnet. Das weiß ich nur zu gut aus meinen Erfahrungen mit den USA in den ’68er Jahren. Das Land ist groß und fantastisch, die Menschen auf eine oberflächliche und unverbindliche Art freundlich, doch mein ganz persönliches Erlebnis verbindet dieses Land für immer mit einem unüberwindbaren negativen Gefühl.

Die Welt Skandinaviens aber übt eine starke Attraktivität auf mich aus. Sie prägte einst mein Verständnis für die Zusammenhänge und dem empfindlichen Gleichgewicht der Natur. Hier empfand ich das minimalistische Leben nicht als belastend, sondern als eine Herausforderung. Hier fühlte ich mich nicht als Gast, sondern für eine begrenzte Zeit als Teil meiner Umwelt. Vieles von dem, was ich hier gelernt habe, bleibt anderen Menschen verschlossen. Es ist nicht Norwegen, nicht Schweden, nicht Finnland, die ich als schönstes Land küren möchte, es ist das ganze Skandinavien, in dem die Menschen jene Gelassenheit ausstrahlen, die von der Ruhe der Landschaft ausgeht. Das raue Dasein außerhalb der großen Metropolen schärft den Sinn für das Angenehme des Lebens. Geselligkeit, Sauna, das Leben in und mit der Natur. Ja, heute wüsste ich eine Antwort.

Am späten Abend treffe ich in Tromsö ein. Noch immer regnet es Hunde und Katzen. Ich bin verwirrt von der Straßenführung. Kilometerlange Tunnel unterhalb der Stadt halten den größten Teil der Autos aus der Stadt fern, doch ich finde meinen heutigen Standplatz am Strandvejen, direkt im Hafen und am Wasser. Auch nicht romantisch, aber dafür sicher und es ist nur für eine Nacht. Nun heißt es umpacken und nichts vergessen und dann suche ich mir eine nette Bar. Ich finde, ich hab es mir heute verdient. Erst scheint es, als hätten sich die Preise gegenüber denen von vor fünfzig Jahren nicht verändert, doch statt zwölf Mark kostet das Bier heute zwölf Euro. Wie soll man denn da Alkoholiker werden. Ja, Norwegen ist teuer, sehr teuer!

In einer Stunde startet mein Flieger. Ich bin gespannt, was mich erwartet.


* Dalai Lama