16. Juni 2024
Mein heutiger Platz in Riege befindet sich jenseits des Flusses, auf der,der Stadt abgewandten Seite des Flusses Daugava (Düna). Schön ist der Platz nicht, dafür habe ich hier Duschen, eine Waschmaschine und ich kann von hier aus in fünfundvierzig Minuten in die Stadt laufen. Das Gelände gehört zum Yachtclub von Riga, mit einer Aussicht auf einerseits den Industriehafen und ein wenig in die andere Richtung auf die moderne Brücke und auf die Stadtsilhouette der Altstadt. Nicht gerade ein schöner Platz, aber auch nicht schlecht. Es ist früh genug, um zu waschen, sowohl mich als auch meine Wäsche. Tisch und Stuhl platziere auf einem schmalen Grasstreifen am Flussufer und werfe den Grill an und das Steak darauf.
Neben mir hat sich ein Brite mit einem hübschen umgebauten Schulbus eingerichtet. Es sieht darin aus wie in Omas guter Stube. Ein Küchenschrank, ein Sofa und zwei Sessel, ein Couchtisch und ein Orientteppich.
Auch der Eigentümer ist ein lustiger Geselle. Typisch britische rote Wangen, seine langen Haare sind zu einem Dutt gebunden, er trägt lange bunte Ohrringe, ein kurzes Röckchen mit Tigermuster und rosa Sportschuhe. Er verriet mir, dass er Eric hieße, eigentlich, wegen seiner deutschstämmigen Mutter Eugen, was aber kein Brite aussprechen könne oder wolle. Eric spricht ein sehr distinguiertes Upper Class Englisch. Während er viele lustige Ereignisse seiner, nun schon drei Jahre andauernden Reise, lachend zum Besten gibt, ist seine Frau eher unauffällig und strickt für den mitreisenden Ronny (eine undefinierbare Hunderasse) ein Jäckchen. Ob Ronny sich angesichts steigender Temperaturen darüber freuen wird, ist noch nicht ausgemacht.
Heute schlafe ich sicher gut und lange, denn es wird endlich eine dämmrige Nacht. Nur vier Stunden, aber eben doch die erste Ahnung dunkler Nächte.
18. Juni 2024
Nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg in die Stadt. Der Himmel lässt ahnen, dass er heute noch so manche Überraschung im Petto hat. Meine Motivation eines Fußmarsches über die Brücke ist schnell gebrochen, als ich auf ein deutsches Paar treffe, die offensichtlich auf ein Taxi warten. Eine Nachfrage bestätigt meine Vermutung und ich schließe mich ihnen an. Sie haben über den Fahrdienst Bolt gebucht, etwas Ähnliches wie Uber, und ich sollte das Trinkgeld für den Fahrer übernehmen. Nach zwanzig Minuten steigen wir am Central Market aus. Ich verabschiede mich von den Beiden und marschiere in die Hallen. Kaum betrete ich die Halle, meldet sich meine „Verlier-App“ und zeigt mir den Verlust meines Portemonnaies an. Tatsächlich, in meiner Hosentasche ist es nicht, dafür befindet sich etwas anderes darin, nämlich eine über die ganze Länge aufgerissene Naht. Da ich das Trinkgeld aus dem Geldbeutel entnommen hatte, war klar, im Taxi hatte ich den Geldbeutel noch. Meine App gibt mir als letzten bekannten Standort den Punkt unseres Ausstiegs an. Ich laufe zurück und schaue, ob es auf der Straße liegt, aber nein, dort ist es nicht. Also hat er mich vielleicht schon im Taxi verlassen. Über Bolt versuche ich zu recherchieren, bleibe aber an einem gar nicht hilfreichen Chatbot hängen. Somit ist der Verlust eine besiegelte Tatsache. Papiere weg. Ausweis, Kreditkarten, Führerschein, Bargeld und Bankkarte wechseln nun gerade ihren Besitzer. Noch kann ich über Handy bezahlen, was ja auch schon etwas beruhigend ist, was mich aber dazu zwingt, die Kreditkarte nicht abzumelden, ober die der Bezahldienst abgewickelt wird. Ich mache Meldung bei der Polizei, um der Versicherung Genüge zu tun, die meinen Fall telefonisch aufnimmt. Die Polizei will meinen Standort wissen und dann verabschieden sie mich. Ich mache ich mich auf den Weg. Nach dem Schrecken brauche ich einen Kaffee. Ich trete aus der Markthalle, laufe ein paar Meter und biege dann in Richtung Stadt ab. In diesem Moment höre ich eine Stimme hinter mir: „Matthias Dinger?“ Ich gebe mich als der Gesuchte zu erkennen. Ein Polizeibus, darin ein Polizist und eine Polizistin. Als ich mich als der Gesuchte zu erkennen gebe, erklären sie mir auf Englisch, dass sie von der Wache benachrichtigt wurden und nun den Fall persönlich aufnehmen wollen. Wunder Nummer eins! Erst einmal erklären sie mir, dass ich um meine Kreditkarten nicht fürchten muss, in Lettland wage sich niemand eine fremde Kreditkarte einzusetzen, denn die Strafen dafür seien exorbitant hoch. Alles wäre auch gar nicht schlimm, wir seien ja in Europa, da brauche ich keine Papiere, wenn ich das nun aufzunehmende Protokoll vorweise. Wenn ich Geld brauche, so soll ich mir das bei der Botschaft besorgen und sonst meine Reise unbesorgt fortsetzen. Wie beruhigend! Ich suche ein Café und beruhige meine Nerven. Vielleicht haben die netten Polizeimenschen ja recht und ich soll es einfach als Schicksal verbuchen.


Mit Vergessen und Verlieren kenne ich mich ja aus, aber genau deswegen ärgert es mich doch mächtig, aber nicht lange. Ich gehe noch einmal zurück zur Markthalle und schaue in alle Mülleimer und Blumenkästen. Manchmal entnehmen ehrliche Finder ja nur das Geld und werfen den Rest fort. Auch diese letzte Hoffnung zerplatzt wie eine Seifenblase. Zwischenzeitlich schüttet es, was es kann. Bis auf die Haut durchnässt gehe ich in die Markthalle zurück. Ich muss mal! Am Eingang zur Toilette der Markthalle, dort gibt es mehrere davon, sehe ich die Beiden aus dem Taxi. Auch sie suchen einen stillen Ort. Wunder Nummer zwei!
Sie haben in ihrer Bolt-App die Daten des Fahrers und der lässt sich sogar über die App anrufen. Der Fahrer nimmt den Anruf an und er spricht Englisch. Wunder Nummer drei.
Als er die Rufnummer mit dem Auftrag zusammenbringt, sprudelt es aus ihm heraus, „I found Your documents“. Wunder Nummer vier.
Wir verabreden uns in einer Stunde auf dem Parkplatz der Markthalle und dann erfüllte sich mit Wunder Nummer Fünf eine unglaubliche Geschichte. Meine Verlier-App ist zufrieden und zeigt mir, dass ich alle wesentlichen Dinge bei mir trage. Autoschlüssel, Ersatzschlüssel und Portemonnaie. Nun macht mir auch der Regen nichts mehr aus und ich setze mein Sightseeing fort. Morgen soll das Wetter besser werden, dann schaue ich mir alles noch einmal an, ohne Stress und hoffentlich bei gutem Wetter.
Meinen Heimweg mache ich nun auf Schusters Rappen, was mir noch ein paar tolle Einblicke auf die Burg und die Türme der Stadt bietet. Zurück bei meinem FidiBus tun mir Füße und Beine schrecklich weh. Zwanzig Kilometer, davon die meisten über grobes Kopfsteinpflaster, forderten ihren Tribut. Morgen fahre ich Taxi. Toi Toi Toi!
(Dann gibt’s auch wieder Bilder)
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