14.6.2024
Saaremaa
Nach dem Besuch im Sea-Plane-Museum verlasse ich Tallinn endgültig. Ich komme zügig voran doch habe ich nicht vor, heute schon auf die Insel überzusetzen. Es soll für heute reichen, wenn ich die einhundertdreißig Kilometer bis zum Fährhafen nach Virtsu schaffe. Da ich immer wieder von der Hauptstrecke abweiche, bin ich tatsächlich wieder erst am späten Abend am Ziel. Auf den kleinen, zumeist nur geschotterten Straßen durchfahre ich Ortschaften, die als solche kaum erkennbar sind. Zu weit liegen die Häuser auseinander. Die meist sehr großen Grundstücke sind in der Regel sehr gepflegt und immer steht ein Saunahäuschen im parkähnlichen Garten. Die Ortschaften besitzen keinen wirklichen Ortskern, keinen Treffpunkt zum geselligen Zusammensein. Ich vermute, die einzige Geselligkeit findet anlässlich großer Feste, wie dem Mittsommernachtsfest statt oder beim sonntäglichen Kirchgang in der nächsten Kirchengemeinde.
Mein Ziel, eine der vielen, tief ins Land hereinreichenden Meeresbuchten des Baltischen Meeres, habe ich mir für heute aus meiner App herausgesucht. Es ist tatsächlich ein ruhiger Ort, mit einem überdachten Unterschlupf, einer Feuerstelle und einem Vogel-Beobachtungsturm. Im Schilf liegen einige Ruderboote und es herrscht eine wohltuende Stille. Nur der Flügelschlag der Schwäne schallt hin und wieder über das Wasser, wenn die großen Vögel sich schwerfällig und mit langem Anlauf aus dem Wasser heben. Noch lange hört man dann ihr Stöhnen beim Aufstieg, bis sie ihre Flughöhe erreicht haben. Was muss es sie für eine Kraft kosten, den schweren Körper in die Lüfte zu erheben um tausende von Kilometern in ihr Winterquartier zu fliegen.
Am Abend kommen ein paar Fischer. Sie machen ihre Ruderboote klar und stellen fern vom Ufer ihre Standnetze auf. Sie lächeln mir freundlich zu, doch das war’s dann auch schon an überschwänglicher Begrüßung. Nun, zumindest stören sie sich nicht an meiner Anwesenheit.


15. Juni 2024
Um kurz nach zehn Uhr stehe ich am Fähranleger. Für die fünfundvierzig Minuten dauernde Überfahrt bezahle ich sechzehn Euro dreißig und dann bin ich auf der Insel Saaremaa. Genau genommen auf der Insel Muhu, die Saaremaa vorgelagert ist.
Wieder weiche ich von der Hauptroute ab und fahre etwa acht Kilometer über fürchterliches Katzenkopfpflaster, bis der Weg dann übergeht in einen Schotter und Sandweg. Ich schaue noch einmal nach dem Wetter, da mir bewusst ist, dass der Weg bei Regen eine einzige Schlammpiste sein wird. Unbefahrbar für meinen FidiBus. Doch das Wetter sieht heute stabil aus und so fahre ich weiter. Der Wald weicht bald einer Weidelandschaft. Links am Weg steht eine Windmühle. Wie die meisten Mühlen handelt es sich auch bei dieser um eine drehbare Bockwindmühle. Die Landschaft öffnet sich mehr und mehr und ich werde an die großen Flächen der Camargue erinnert. Es fehlen lediglich die Stiere oder die Wildpferde. Vor mir liegt das Meer. Einfach ein toller Platz. Kurz denke ich darüber nach, hier für den Tag und die Nacht zu bleiben, doch es ist zu früh, um schon wieder den Tag zu beenden. Wohin der sandige und teils sehr ausgewaschene Weg führt weiß ich nicht, doch vertraue darauf, dass jeder Weg einfach irgendwohin führt und fahre weiter auf äußerst schwierigen und tief ausgewaschenem Weg. Zweimal passiere ich Höfe. Der Weg ist links und rechts mit dichtem Gebüsch zugewachsen, und ich hoffe, dass FidiBus den Kontakt zu den Zweigen als ein Streicheln seiner roten Blechhaut empfindet und mir nicht sauer wird.
Doch dann endlich, nach mehr als eineinhalb Stunden, steht da ein Ortsschild, das den vier Gehöften einen Namen gibt. Hier stehen Autos, somit sollte eine befahrbare Straße nicht mehr allzu weit sein. Und wirklich, nach wenigen Kilometern habe ich festen Boden unter den Rädern.
Über einen langen Damm gelange ich auf die Hauptinsel Saaremaa. Nach einem Blick auf Google Maps entscheide ich wieder, meinen Weg auf kleinen Nebenstraßen fortzusetzen und so gelange ich zu dem Ort Pöide und schon von weitem erblicke ich eine Kirche, von der ich annehme, dass ein Besuch lohnend sei. So war es dann auch. Die Kirche der heiligen Maria geht auf das Jahr 1230 zurück. Ihr Erhaltungszustand ist erbärmlich, doch die Zeichen einer Restaurierung sind unverkennbar. Sie erzählt eine lange Geschichte der Besiedlung der Insel und ist einen Besuch sicher wert. Von hier aus fahre ich weiter, bis ich den Leuchtturm Sörve Tuletorn. Ein kleiner Spaziergang bis zum Kap, dem südlichsten Punkt Estlands, von dem man bereits das Nordufer Lettlands erkennen kann, bietet mir einen malerischen Blich über das Meer, ein paar Boote zum Leuchtturm. Unterhalb des Leuchtturmes verbringe ich die Nacht, die noch immer taghell ist.





16. Juni 2024
Auf meinem Rückweg zur Fähre mache ich Halt in Ahrensburg, einem modernen Ort mit schönem Hafen. Die Besichtigung der Burg lasse ich mir nicht entgehen, finde jedoch die Ausstellung in der Burg, deren verwinkelte und gewundenen Treppen allein schon für Verwirrung sorgen, ein wenig chaotisch. Die Fülle der Exponate ist einfach zu groß und es ist nur schwer eine irgendwie geartete Ordnung zu erkennen. In diesem Falle wäre weniger sicher mehr gewesen.
Von Ahrensburg fahre ich weiter zu den Klippen, Panga Cliff, auf der Nordseite der Insel. Ein Blick auf die Klippen ist für Besucher allerdings nicht möglich. Es gibt keinen Weg an ihrem Fuße und so bleibt nur, die Aussicht, die man von hier aus hat, zu genießen. Hier zeigt sich allerdings der Nutzen meiner Drohne. Ich schicke sie weit hinaus auf das Meer und nehme von dort aus ein paar beeindruckende Bilder der Steilküste auf. Ein Flug entlang der Klippen bringt mir deren Schönheit vor Augen.
Nächster Stopp ist der Mühlenberg von Angla, wo fünf Mühlen in einer Reihe stehen. Das Gelände ist eingezäunt und da es nach 18:00 Uhr ist, nicht mehr zugänglich. Dennoch bleibt die Möglichkeit, einen Blick von außen auf die Mühlen zu erlangen. Der letzte touristische Anlaufpunkt dieses Tages sind die Meteoritenkrater von Kaali. Der größte Krater hat einen Durchmesser von etwa fünfundzwanzig Metern. Kreisrund und mit Wasser gefüllt liegt er in einem Wald, umgeben von dem Ringwall des Einschlages. In seiner näheren Umgebung gibt es ein paar weitere, kleinere Krater, die durch das Auseinanderbrechen des Meteoriten bei seinem Eintritt in die Erdatmosphäre entstanden sind. Da es außer dem Krater keine lohnenswerten Dinge in Kaali zu sehen gibt, fahre ich weiter und suche mir einen Schlagplatz nahe der Fähre.







17. Juni 2024
Die Überfahrt nach Virtsu verlief reibungslos. Immer wieder gab es Schauer und auch einmal ein kräftiges Gewitter, dass ich in einem kleinen Restaurant bei einer Gemüsesuppe und einem Bier aussaß. Mein weiterer Weg führt mich auf Nebenstraßen entlang der Küste nach Riga. Für die Zeit in der Stadt suchte ich mir einen Stellplatz mit Dusche und Waschmaschine. Beides war wieder einmal nötig. Morgen mache ich mich dann auf den Weg in die Stadt, noch nicht ahnend, dass Riga beinahe das Ende meiner Reise gewesen wäre.
Doch davon und von vielem mehr in meinem nächsten Beitrag.