12. Juni 2024
Tallinn
Pünktlich um neun Uhr morgens verlässt meine Fähre den Hafen von Helsinki. Damit nehme ich Abschied von Finnland und Skandinavien. Es ist, als würde ich eine mir vertraut gewordene Region verlassen und ich erwische mich dabei, wie ich während der Überfahrt öfters zurückschaue als nach vorn. Das Baltikum ist mir bisher völlig unbekannt und irgendwie bringe ich es noch immer in Verbindung mit der alten Sowjetunion. Dabei habe ich schon so oft erzählt bekommen, wie schön Tallinn und Riga seien. Ich bin mir ganz sicher, auf dieser Reise werde ich die alten Bilder löschen.
Jetzt kommen die Kirchtürme Tallinns in Sicht und so pünktlich, wie wir Helsinki verlassen haben, so pünktlich laufen wir in den Hafen Tallinns ein. Ich muss tanken und einkaufen, und schon von der Fähre in die Stadt benötige ich eine gute Stunde. Baustellen mit abenteuerlicher Verkehrsführung und der estnische Fahrstil sind mir ungewohnt und erfordern meine ganze Aufmerksamkeit. Dann wird es etwas ruhiger und Tankstelle sowie Supermarkt liegen auf dem gleichen Areal. Die Preise sind hier auffallend geringer und ich muss acht geben, nicht vor Freude in einen Kaufrausch zu verfallen. Dann suche ich mir einen Parkplatz und verschaffe mir einen ersten, ganz schnellen Überblick über die Stadt. Vor der russischen Botschaft sind Protestbanner aufgestellt, in denen Putin als Mörder, Folterer und Kriegstreiber angeklagt wird. Die Polizei bewacht die Banner, ansonsten ist es ruhig, keine Menschenmenge und außer Touristen scheint es niemanden zu interessieren. Im Schifffahrtsmuseum erkundige ich mich nach einem Tallinn-Ticket und erfahre, dass ich dies über das Internet bestellen kann, wodurch ich zwei Euro Rabatt bekomme. Also nur sechsundfünfzig anstelle achtundfünfzig Euro. Na immerhin. Also bestelle ich es für morgen, mir einer Gültigkeit von 24 Stunden.



Für heute soll es genug sein. Mein Schlafplatz liegt außerhalb der Stadt, auf einer Halbinsel. Ein Parkplatz am Meer, mit Dusche und Toilette. Nach einem Bad im Meer, mache ich mir mein Essen, lese noch ein wenig und lege mich dann schlafen. Morgen ist Sightseeing-Tag, und dafür sollte ich ausgeschlafen sein.
13. Juni 2024
Schon früh am Morgen fahre ich wieder in die Stadt. Dieses Mal finde ich einen Parkplatz im Hafengebiet, wo ich vierundzwanzig Stunden für sechs Euro stehen darf. Kurz überlege ich, ob ich über Nacht hier in direkter Nachbarschaft zur Altstadt bleiben soll, aber dann ziehe ich doch meinen ruhigen Standplatz am Meer vor.
Aber jetzt geht’s los!
Ich beginne meine Besichtigung im Maritim-Museum, das sich im Turm der Stadtmauer, genannt „Dicke Margarete“. In diesem Museum wird mein Interesse auf eine ausgegrabene Kogge gelenkt. Besonders die Bergung interessiert mich, da das Wrack im Ganzen gehoben und provisorisch zwischengelagert wurde. In der Dokumentation fiel mir auf, das rings um das Wrack bis zu seinem Boden, die Erde weiß war und sich damit deutlich von dem umgebenden braungrauen Untergrund abhob. War das Gips, den man zu Stabilisierung verwendete um später leichter auch unter dem Schiff arbeiten zu können? Leider kann mir auch das Museumspersonal meine Frage nicht beantworten und so muss ich wohl ein wenig recherchieren. Das hebe ich mir für zuhause auf.
Nach etwa zwei Stunden verlasse ich das Museum und blicke in einen dunklen, drohenden Himmel. Und da geht es auch schon los. Es gießt in Strömen. Das Wasser schießt aus den Regenrohren und spritzt über die Straße. Ich finde in einem Hauseingang Schutz und warte das Schlimmste ab. Nach wenigen Minuten ist der Spuk vorbei und ich setze meinen Rundgang fort. Gesundheitsmuseum, Schwarzhäupter-Haus, die orthodoxe Kathedrale, die auf dem höchsten Punkt der Stadt errichtet wurde. Als ich eintrete, befällt mich ein bedrückendes Gefühl. Mit Gold und Silber wurde wahrhaftig nicht gespart. Für meinen Geschmack wirkt das einfach nur protzig. Sollte die Kirche nicht Bescheidenheit und Demut verkünden? Ihre Reichtümer nicht lieber sozialen Zwecken widmen, anstelle sie wie das goldene Kalb zu präsentieren. Und dann ist da auch ein stiller Vorbehalt gegen die Orthodoxe Kirche, die in ihrer Unterstützung für Putin ungebrochen ist. Ich verlasse die Kirche mit einem, sie kann mich nicht beeindrucken, abgesehen von ihrer Architektur. Dem Regierungssitz direkt gegenüber gehe ich an der Botschaft der Bundesrepublik Deutschland vorbei, laufe an der Stadtmauer entlang, in deren dicksten Turm das Museum der Stadtgeschichte gerade renoviert wird. Aber ich kann von dort aus einen Besuch der Katakomben, der unterirdischen Gänge buchen. Am Platz der Freiheit schließt uns die Gästeführerin das Tor auf und ward nicht mehr gesehen. Etwas ratlos standen wir herum, bis wir begriffen, dass wir von nun an selbständig durch die Gänge zu laufen haben Der Weg ist klar gekennzeichnet und gut beleuchtet. Auf den ersten hundert Metern waren Relikte früherer Bauwerke ausgestellt, auch der obligatorische, bei lebendigem Leib eingemauerte Mönch fehlt nicht und dann wird es interessant. Nach etwa der Hälfte des Weges wird die Verwendung der Gänge als Bunkeranlage anschaulich dargestellt und nachgebildet. Zu Sowjetzeiten sollten die Katakomben gar einem Atomschlag standhalten. Später dann wurden sie zum Zufluchtsort der Subkulturen. Die Punkbewegung nutzte sie als Versteck, denn sie galt der Obrigkeit als westlich dekadent und subversiv. Als dann mehr und mehr Obdachlose hier einzogen, schloss man die Katakomben und öffnet sie heute gegen einen Obolus für die Touristen. Nach etwa einer Stunde trete ich aus der Unterwelt wieder ans Tageslicht. Es ist achtzehn Uhr und alle Museen schließen ihre Türen. Zeit für mich, um noch ein wenig zu bummeln und mir dann ein Restaurant zu suchen. Ich setze mich auf die Terrasse und schon beginnt es wieder zu pladdern was das Zeug hält. Zum Glück habe ich außer meinem Bier noch nicht bestellt und ziehe um. Wieder geht es ein paar Stufen in das Restaurant hinab und schon bin ich wieder in der Unterwelt, nun aber mit einem guten Essen.
Morgen werde ich mir noch die Außenstelle des Maritimmuseums, das Seaplane Museum, anschauen.











14. Juni 2024
Ich stehe früh auf, mache meine FidiBus reisefertig und bin wenige Minuten vor zehn Uhr am Museum. Einlass ist pünktlich um zehn Uhr und mein Tallinn-Ticket hat eine Gültigkeit bis zehn Uhr und drei. Es klappt, ich scanne meine Karte und das Tor öffnet sich für mich. Das Museum ist riesig. Es ist ein Kuppelbau gebildet aus drei Kuppeln, ohne dass sie durch Mittelpfeiler gestützt wird. Eine riesige freitragende Überdachung. Drei A-300 fänden nebeneinander darin Platz.
Die Attraktion ist ein begehbares russisches U-Boot. Im Außenbereich gibt es weitere Schiffe anzuschauen, nur die Seaplanes, die Wasserflugzeuge sehe ich nicht. Wie sich herausstellen sollte, gibt es die hier auch gar nicht. Namengebend war die ehemalige Verwendung der Halle als Hangar für die Wasserflugzeuge der russischen Marine.


Ich beschließe, es bei dem bisher gesehenen zu belassen. Wiedereinmal regnet es und bis ich wieder bei meinem FidiBus bin, bin ich pitschnass. Es ist ein Uhr mittags, als ich wieder Asphalt unter den Rädern habe.
Weiter geht es auf die größte estnische Insel, nach Sarema.
Schreibe einen Kommentar