Der Blick aus dem Fenster des FidiBus treibt mir die Kälte in die Knochen. Nebelschwaden ziehen über die Bucht und es regnet. Der Entschluss eines Indoor-Frühstücks zwingt sich mir auf. Schwedisches Vollkornbrot, das sich von amerikanischem Weißbrot nur durch die Farbe und den süßlichen Geschmack unterscheidet, ansonsten ist es leicht auf ein Drittel seines Volumens komprimierbar.
Um kurz nach neun Uhr bin ich ‚on the road again‘. Zunächst fahre ich auf der geplanten Route, weiche aber kurz hinter Sundsval nach Nordwesten über kleinere Straßen aus. Bald bin ich so gut wie allein unterwegs. Immer wieder wechselt Asphalt und Schotter und FidiBus setzt langsam eine graubraune Dreckkruste an. So muss es sein, so fühlt er sich wohl.
Der Regen wird heftiger und bald mischen sich die ersten Schneeflocken unter die Tropfen. Die Temperatur sinkt auf ein Grad und ich stelle die Heizung höher. Meine Finger wollen nicht warm werden. Auf vierhundert Metern Höhe schneit es dann richtig. Wie wird es weitergehen? Was, wenn die Fahrbahn verschneit ist. Das würde meinen mühsam heraus gefahrenen Vorsprung zunichtemachen. Die Landschaft verwandelt sich in die typische boreale Tundralandschaft mit Seen, Sümpfen, Birkenwäldern, alles bedeckt von einer schmutzig weißen Schneedecke. Dann lese ich das Schild ‚Lappland‘ und als würde ich eine unsichtbare Wand durchfahren stehen, tauchen nun die Rentiere auf, Schneehühner queren die Piste und ein Fuchs steht seelenruhig am Straßenrand und beobachtet staunen meinen FidiBus. Meine Bitte für eine Fotosession schlägt er jedoch aus und mit eingezogenem Schwanz verschwindet er im Wald. Das Gelände wird niedriger, der Schnee verwandelt sich in Regen und es wird Zeit, mich nach einem Schlafplatz umzuschauen. Weder iOverlander noch Park4Night, die Lieblings-Apps für Overlander bieten einen Vorschlag. Nur am Nordsijön wird ein Campingplatz ausgewiesen. Eine Überprüfung des von mir ausgehenden olfaktorischen Reizes empfiehl mir eine Dusche und so steuere ich diese Herberge an. Eine gute Entscheidung, wie sich herausstellte.
Ich kratzte meine wenigen Brocken Schwedisch zusammen und melde mich in der Rezeption an. Es ist warm und gemütlich. Der Geruch warmen Essens wabert in meine Nasenflügel und das Mädel an der Theke macht mir klar, dass es heute Reise und eine Sauce aus geräuchertem Hähnchen und Gemüse gibt. Alles für neunzehn Euro und soviel ich mag. Das ist ein Angebot, das ich nicht ablehnen kann. Übrigens findet die Konversation in schönstem Schwyzer Dütsch statt. Sie ist beim Reisen hier hängen geblieben und bleibt bis zum Sommer bevor sie weiter zieht.

Und wieder geschieht, was mir so häufig begegnet. Während ich mein Essen vor mir habe, setzt sich ein kräftiger Mann neben mich und beginnt zu erzählen. Sein Bruder betreibt den Campingplatz und er sei aus Luleo gekommen. Ihre Mutter sei vor zwei Wochen gestorben und nun trauern sie gemeinsam. Es scheint mir eine sehr fröhliche Art der Trauer zu sein, denn zuvor sah ich sie bei Bier und Whisky lachend die Würfel werfen. Eine Frau kommt an meinen Tisch und fragt, ob sie sich zu mir setzen darf. Kein Problem. Sie heißt Cordelia mit „C“. Auch sie ist Schweizerin, wie sich herausstellte. Auch sie sei hier gestrandet, nachdem sie durch eine Internetplattform, die Urlaub gegen Mitarbeit anbietet bei einem deutschen Landwirt Arbeit fand. Doch nach vierzehn Tagen machte ihr der Hausherr klar, dass er sie nicht mehr gebrauchen kann und eine halbe Stunde später war sie mit Sack und Pack ausgezogen und fand eine kleine Hütte hier auf dem Platz.
Es sei eine schreckliche deutsch-holländische Familie gewesen. Er quälte seine Tiere, war fett wie ein Otter was verhinderte, dass er arbeiten konnte und behandelte seine Frau wie seinen Sklaven. Cordelia bekam gesagt, wann sie aufzustehen und wann sie Zu Bett zu gehen hatte. Sie schleppte schwere Säcke und stand derweil im Hof und rauchte. Ja, so kann es gehen.

Es ist Zeit für die Sauna, die bereits angeheizt war. Ein Pärchen aus Heidelberg hatte den Ofen angefeuert und so setzte ich mich wie ein Kuckuck in das gemachte Nest. Es ist ein zauberhafter Blick aus der heißen Sauna heraus auf den vereisten See und in die winterliche Landschaft. Absolute Ruhe umgab mich und nur das Knistern des Feuers verströmt Wärme. Schnell entspinnt sich ein Gespräch, wie immer über das woher, wohin. Sie wollen nach Narvik über Abisko und zurück auf der norwegischen Seite nach Heidelberg. Da kann ich mit einigen Tipps für schöne Wanderungen helfen. Es war ja ‚meine Gegend‘ und noch beim Erzählen spüre ich diese ungeheure Vertrautheit, das alte Gefühl eines zweiten Zuhhauses, nachdem ich in den Siebzigern viele Sommer in meinem Zelt in den Bergen am Torneträsk verbracht hatte. Ich erzählte ihnen von der Empfindlichkeit der Natur (gehe im weglosen Gelände niemals den gleichen Weg zweimal, denn dann entsteht ein Pfad auf dem spärlichen Boden. Starte und verbrenne nur in größter Not die winzigen, harzreichen Zwergbirken, denn sie sind hunderte Jahre alt. Verwende zu starten eines Feuers die Rinde umgestürzter Birken. Ihre Hitze bringt selbst nasses Holz zum Brennen).
Zwischen den Saunagängen sitzen wir schweigend auf einer grau verwitterten Holzbank und lassen die Stille tief in uns eindringen.
Die Temperatur ist auf Minusgrade gesunken. Es wird Zeit, in meinen Schlafsack zu kriechen. Den Reißverschluss bis obenhin geschlossen und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, schlafe ich schon bald einen tiefen und gesunden Schlaf.